Donnerstag, 28. April 2011

Couch # 5 | Im Wald Schizophren werden

Eine Bierflasche ergibt sich der Schwerkraft. Als Ganzes weiter zu existieren wird unmöglich. Sie teilt sich auf in viele kleine verschiedene Splitter. Manche sind größer und tun weh, wenn man sie beim tanzen nicht beachtet. Andere lassen sich mit der Schuhsole gut vereinen – fallen erst in der Bahn nach Hause, oder nie auf. Der Flaschenhals bleibt immer ganz. Sehr stabil. Aus ihm könnte man immer noch trinken.

Maren bildet Pädagogen aus. Doch, bevor mich diese lehrreiche Frau am Mittag umarmt, war ich ganz woanders. Im Gericht. Noch immer leicht angetrunken.

Ali's schwedische Geliebte von letzter Nacht hatte einen Freund. Einen Ex-Freund. Der war aggressiv. Um 8 Uhr wollte sie zusammen mit mir und Ali eine Nummer ziehen, um den Typen auf Abstand zu halten. Leider gab es nur dreißig Nummern, wie uns später erzählt wurde. Das diese 30 Nummern schon vor 8 Uhr aufgebraucht waren, wurde uns klar, als wir die überfüllte Schlange sahen. Ich fragte mich laut, ob die Leude alle für einstweilige Verfügungen anstanden.

Nein Schätzchen, hier hat jeder sein eigenes Schicksal.“

Pamm Pamm! Ein Schuss mitten in meinen Lachmuskel Die Frau, die so patzig losgeballert

hatte trug langes blondes Haar. Offenes langes blondes Haar. Große Augen. Strahlend. 35; Sah aber aus wie 25. Hatte früher gemodelt. New Yorkerin... Also nur zwei Jahre älter als ich.

Die Schwedin musste zum ersten Mal an diesem Tag laut lachen. Frühes Aufstehen und dann das Gerichtsgebäude hatten uns bis jetzt nur wenig erheiternde Momente gelassen. Eher erschreckende. Zum Beispiel der:

Einem Wartenden ging das mit den knappen Nummern zu weit. Er

schlug auf den grauen Kasten ein. Drei Männern überwältigten ihn. Dann war es wieder still.

Er – der Abgeführte – erinnere die Schwedin an ihn – ihren Ex-Freund – sagte sie mir mit blassen Worten. Mehr erfuhr ich nicht. Nur noch, dass sie große Angst hatte. Deshalb begleiteten wir sie. Ob es hier auch einen Kaffee gab?

Fang lieber an zu rauchen“, hustete die Amerikanerin mit hoher Stimme.

Du rauchst?“

Schätzchen, denkst du, ich will noch ewig hier leben? Natürlich rauche ich!“

Nicht ewig leben?“

Schau dich doch um.“ Eine alte blasse und leicht zittrige Gerichtsdienerin kam mit einem Zettel in der Linken aus einer der Eichentüren und rief Nummer sieben auf.

Die zum Beispiel raucht bestimmt nicht. An ihrer Stelle würd' ich Kette rauchen, um endlich aus diesem Gebäude abtransportiert zu werden.“

Ziemlich negativ, oder?“

Schätzchen, wenn du drei Tage in dieser Sackgasse hier verbringst und auf deinen Richter wartest, wüsstest du wovon ich spreche.“

Zumindest die Schwedin musste erneut lachen. Ali verstand nichts. Nach einer weiteren Stun

de warten auf einem Plastikstuhl, verloren wir ebenfalls die Lebenslust.

Crystal hatte Jura und Literaturwissenschaften in New York studiert. Philosophie fing sie in Deutschland eher aus Langeweile an, weil sie keinen Job fand.

Das erklärte auch, warum sie so viel Zeit mit warten verbringen konnte.

Schätzchen, ich hab zwar ordentliches Sitzfleisch, aber das gehört nicht auf diesen Pappstuhl, sondern dahin, wo es gesehen wird.“ Ihr ausgefeilter Sexismus hatte ein beruhigend Wirkung auf uns. Crystal versprach, den Richter für uns zu bearbeiten. Ich zweifelte nicht an ihren Überredungskünsten.

Als ich kurze Zeit später mit meinem Automatencafé zurück zu den Wartenden kam, waren die

schon mit ihrer Anhörung fertig. Crystal hatte den herzensguten Richter wohl überreden können, die Schwedin vorzulassen. Der hatte den Antrag lächelnd abgestempelt und ließ Nummer 13 durch seine Gehilfin rein rufen.

Crystal war besonders und ich stand auf das, was sie zum Abschied sagte:

Schätzchen, just be yourself. Jeder trägt seiner eigenes Schicksal mit sich. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“ Dann hörte ich ihr kaum noch zu und ließ mich eher von ihrer Ausstrahlung blenden. Sie war wie ein lebendiger Hollywood-Kitsch-Film. Die mochte ich auch. War ich verliebt?

Sie sprach aus tiefster Überzeugung;Holte alles raus ohne große A

nstrengung und traf mich direkt. Als ich später im Bus zu Marens WG in der List saß, war ich wirklich froh, dass ich nicht angefangen hatte zu flennen. Jesus hat eine Zeitmaschine. Und wie ich später auf Marens Klo las: „Magier sind Menschen, die Rückwerts in der Zeit reisen.“ Der Spruch bleibt hängen.

In Marens Küche schmiss ich ein paar Bierflaschen auf den Küchenboden, als wir nach drei Stunden reden endlich das Eis gebrochen hatten. Maren und ihre jüngere Mitbewohnerin Britta spielten mir 'Hits' aus ihrer Jugend vor. Peter Maffay. Dann dieses französische Bummslied. Je t'aim. Wir lachten heftig. Britta erzählte von ihrer ersten Arbeitgeberin in einem Steuerbüro. Sie war Alkoholikerin und gönnte sich regelmäßig verlängerte Wochenenden; Bedingt durch ihren übermäßigen Schnapskonsum. Tauchten im Büro montags oder dienstags mal Anfragen auf, die Britta alleine nicht lösen konnte, lallte die Chefin trotzdem qualifiziert Antworten von zu Hause aus durchs Telefon.

Einmal auf einer Weihnachtsfeier explodierte ein Konflikt: Brittas Chefin gegen Ex-Ehemann. Das was die Alkoholikerin und ihren Ex-Mann bis dahin noch vereinte, war die gemeinsame Kanzlei, die sie ebenfalls noch gemeinsam geführt hatten. Als der Ex-Mann allerdings mit seiner neuen „Tuse“ aufgekreuzt war, platzte der Angeheiterten Ex-Frau der kragen. Sie rief wutentbrannt ihren neuen Lover an. Er sollte „SOFORT!“ kommen. Der spätere Polizeieinsatz in dem kleinen Steuerbüro am Steinhudermeer konnte das schlimmste leider nicht mehr verhindern. Die gebrochenen Nasen, der aufeinander losgegangenen Aktuell– und Ex– Männer mussten im nahe liegenden Krankenhaus repariert werden. Die Chefin hatte diesen Abend noch viel geweint und natürlich getrunken und wachte erst wieder im Knast aus dieser Depression auf. Neben ihrem Ex-Mann; rechts. Und links; ihr Aktueller.

Auf den Weg vom Krankenhaus nach Hause, hätte die Alkoholikerin ihr Auto lieber stehen lassen sollen. Nach diesen diffusen Ereignissen hatte sich das üblich verlängerte Wochenende der Alkoholikerin, nun noch auf den Mittwoch ausgeweitet.

Das was von meinem verschütteten Bier übrig geblieben war, klebt dreist am Küchentisch; Lässt meine Hand in Zeitlupe zurück ziehen, als sie das matte Tischholz verlassen will. Auch die Tischbesitzerin Maren war anhänglich; Sie liebte junge Menschen; Zu sehen, wie sie jung in eine neue Klasse rein geboren werden und als erwachsene Pädagogen die BBS verlassen. Was sie denn so beigebracht bekämen, wollte ich wissen.

Eine vom Kehrblech vergessenen Scherben der zerdepperten Bierflaschen versetzte mir einen leichten Stich im Fuß, als ich beim zuhören unbewusst im Takt der Küchenmusik stampfte. Viele kleine Splitter, die es als Mensch zusammen zu halten gilt. Nie ist man eine Einheit; Illusion! Mein Kopf prickelte wie ein erigiertes Fass Brausepulver.

Der Wahrnehmungsfilter setzte auf einmal aus. Im Wald. Tief dunkle Laubhütte, in der sie eine Woche schliefen. Ihr Sohn und der Rest seiner Studentenkollegen. Regie sollte nicht nur heißen, Filme zu machen, sondern sie auch zu leben. Leben lernen könne man nur da, wo Realität mit der Idee des Regisseurs verschwimme, so die Tutorin. Sie karrte ihre junge Gruppe in den Schwarzwald, erzählte Maren weiter. Abgeschnitten von der Außenwelt. Alleine. Marens Sohn hatte einen Kreativitätsschub. Jeden Tag länger an diesem kalten verregneten Ort, machte ihn freier. Er lernte die Schwerkraft zu überbrücken. Alles schien möglich. Auch für seinen Studienkollegen Georg. Am dritten Tag wurde Georg von einem Krankenwagen abgeholt; In die nächste Klinik. Nach einem Monat dort wiesen sie ihn in eine Anstalt ein, wo er bis heute ist.

Unter Wissenschaftlern sei man sich heutzutage relativ einig, dass Schizophrenie durch ein Wegbruch des Wahrnehmungsfilters entstünde. Alle Informationen würden ohne Schutz auf das menschliche Gehirn eingeprasselt. Die Folgen: Stimmen die nie da waren. Geräusche. Bilder, die es nicht gibt. In anderen Kulturen wurden solche Menschen als Dorfschamanen verehrt.

Tiefe Angst mischten sich Marens Worten bei. Ich konnte mir das wegbrechen des Wahrnehmungsfilters gut vorstellen. Vielleicht zu gut. Sich von allem frei machen. Alles ungefiltert aufnehmen. Genau das ist das, was ich durch mein Projekt versuchte zu erreichen. Schnell verdrängte ich diesen Gedankengang, um ihn hier noch einmal kurz aufblitzen zu lassen.

Mit einem kalten Lappen wischt Maren über die klebenden Bierreste. Dann sprach sie weiter. Ungefiltert:

Wenn Traumata verarbeitet werden sollen, so gibt es verschiedene Techniken. Eine Technik funktioniert mit einer imaginären Fernbedienung; Im Kopf des Patienten. Mein Kopf prickelte immer noch. Bunte Lichter flitzten vor meinen Augen. Viel hatte ich nicht getrunken.

Der Patient wird ein halbes Jahr stabilisiert; Von der Psychologin. Immer gut zureden. Zuhören. Assoziieren lassen. Dann kommt die kurze Phase der Traumaarbeit. Der Patient wird nun zu dem zurück versetzt, was ihn belastet. Durch die Fantasiefernbedienung steuert der Traumatisierte das Schreckliche mit einer gewissen Distanz. Er kann weiter spulen, wenn es zu viel wird. Er musst stoppen, um zu verstehen. Zu begreifen; Zu Verarbeiten. Die Fernbedingung wird wieder weg genommen. Der Patient wird noch ein weiteres halbes Jahr stabilisiert. Fertig. Das Fass mit dem vielen Brausepulver explodierte. Gleichmäßig verteilte sich die prickelnde Masse über meinen ganzen Körper.

Es gab auf dieser Welt sicher viele Gründe sich in den Tod zu rauchen,vier oder fünf Tage in der Woche Schnaps zu trinken, oder sich im Wald einer Schizophrenie hin zu geben. Doch es gab immer noch den abgebrochenen Flaschenhals, erklärte mir Brittas Freund, der sich zur später Stunde an unseren mit Kerzen beleuchteten Küchentisch setzte. Maren Schloss die Balkontür. Ein Freund hatte ihn am Mittag neu mit Fliesen verlegt. Ein Freundschaftsdienst. Der Freund war seit einem Jahr ohne Job und ohne festen Wohnsitz. Maren unterstützte ihn, so gut sie konnte.

Brittas Freund war Biker. Nicht Rocker, wie ich immer zu ihm sagt. Bis zu diesem Abend waren mir die Unterschiede nicht klar gewesen. Auch er hatte Freunde, die ihm mit seiner Yamaha halfen. Ein ganzes Netzwerk, ähnlich wie die Couchsurfing-Community. In ganz Deutschland. Gab es mal eine Panne, müsse er nur eine der vielen Nummern anrufen und würde zumindest einen Schlafplatz bekommen. Das beeindruckte mich.

Über das Leben sei schon viel gesagt worden, philosophierte der Biker. Alles gesagte, stimme vielleicht immer für einen gewissen Moment. Für diesen Moment, so sagt er, stimme es, dass wir viele sind. Ganz viele unterschiedliche Teile einer Flasche. Wir könnten viel Spaß zusammen haben, liegen aber zersplittert in verschiedenen Mülltonnen auf dieser Welt rum. Manche brennn. Manche stinken einfach nur. Das was uns vereint ist das Wissen über den Flaschenhals. Und wenn wir es endlich packen würden, uns ihm anzuschließen, könnten wir alle trinken.

Bevor der Rocker mit Britta ins Bett ging, nahm er noch einen letzten genüsslichen Schluck von seinem Bier. Alkoholfrei.

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