
Hannovers König war unzufrieden mit sich und seiner Monarchie. Mickrig und klein schien ihm dieses Hannover im Vergleich zum prunkvollen britischen Königreich.
Hannover. Pah. Dummes Bauernvolk. Ein paar heruntergekommene Gärten. Ein versoffener Hofnarr und eine nörgelnde Ehefrau.
So kam es, dass der Unzufriedene sich kurz an seinem königlichen Kopf kratzte und was unterschrieb. Eine Fontäne solle nun in seine Herrenhäusergärten. Mit sechzehn Meter Spritzweite wäre sie die größte; Weltweit! Der König lachte; Seine Frau lachte; Der Hofnarr hysterisch. Der ganze Hofstaat lachte laut. Das änderte sich, als der lachende König das Englische Königshaus nach Hannover einlud.
Es sollten nur Geschäfte abgeschlossen werden; Ein paar Kleinere. Klar; In der Mittagspause könne man dann ja kurz einen Spaziergang durch die 40000 qm² Gartenanlage machen und – klar – vielleicht würde man zufällig an der neuen Fontäne vorbei kommen. Eines sonnigen Nachmittags dann spritzen endlich sechzehn Meter in die Luft und die Augen der Queen wurden groß. Sehr groß! Und auch die der anderen!
Reflexartig wurden sie erst dann geschlossen als klar war, dass das Wasser nicht so klar war. Urin- und Kotreste waren damals noch nicht so gut durch die Leine gefiltert. Heutzutage helfe ihr dabei das modernste Klärwerk Europas, eröffnete mir Andreas während unserer Radtour. Doch zwei Jahrhunderte zuvor ließ sich das Englische Königshaus ihr adeliges Gesicht abwischen und ritt mit der nächsten Kutsche zurück in ihr eigenes Königreich.
Hannover braucht keinen König. Aber wenn sich die Zeitschriftabonnenten der „HÖR' ZU“ doch irgendwann mal mehrheitlich in Deutschland durchsetzen sollten, habe ich einen Wunschkandidaten. Besser zwei. Zwei Könige. Björn und Andreas strahlen in ihrer Wohnung. Wie alles um sie, was sie in den letzten acht Jahren angehäuften haben. Geblendet taumelte ich von einen Saal in den nächsten und übersah die golden umrahmten Fotos, die das glücklich paar in New York vor einer vorbeifahrenden Straßenbahn zeigte. Den Apple Computer hingegen konnte ich kaum übersehen. Wie es sich für ein monarchisches Paar gehört, strotzt die Dekadenz über die weiten des marmornen Schreibtisches. Nur der vergoldete Kronleuchter, der uns von hoch oben beobachtete, hätte sich mit der breite des Bildschirms vergleichen lassen. Eine Pflanze aus fernem Lande weidete sich an dem mit Juwelen besetzten Küchenstuhl. Setzen; Das ganze auf sich wirken lassen. Schon bevor ich dazu kam, servierte König Andreas mir den ersten Gang. Eine frisch gebackene Waffel. Bio-Eier. Schokoladenüberguss. Puderzucker. Bunte Streusel. Blattgold. Eierlikör. Nicht zu knapp. Ich spitzte genüsslich den Mund. Zwei lächelnde Könige beobachteten mich, wie ich dankbar zulangte.
Während Björn den nächsten Gang zubereitete, erzählt mir Andreas vom Leben. Straßenbahnfahrer wollte er schon immer werden. Damals, als er noch hinter der Mauer gewohnt hatte, träumte er viel. In der Deutschen Demokratischen Republik blieb ihm dieser Wunsch verwehrt. Einmal musste Andreas wegen staatsfeindlicher Äußerungen zum Schuldirektor. Doch auch der hatte Straßenbahnen nicht auf dem Plan. Enttäuscht vom Sozialismus reiste Andreas so oft er durfte hinter die Mauer, um sich dort mit Straßenbahnen fotografieren zu lassen. Sein erste große Liebe.
Doch er bereute es nie Koch geworden zu sein. (Nach diesen Waffeln bereute ich das auch nicht). Schließlich hatte ihn eine Kochstelle nach Hannover gebracht und letzten Endes zu seinem Ehemann. König Björn strahlte kurz vom Herd über seine Schulter. Andreas lächelte zurück. Hach.
Kurzweilig verfiel ich in meine Kindheit zurück, wo ich am Mittag abwechselnd „König der Löwen“ und „Susi und Strolch“ geguckt hatte. Das Schnarchen meiner Oma neben mir störte nicht, weil ich die Dialoge auswendig konnte... Kann es wirklich Liebe sein? Hannovers Königspaar waren verliebt. Andreas führte mich nach meiner dritten Waffel zu den Hochzeitsfotos, die ich vorhin übersehen hatte.
Auf einem war Silvester. Beide küssten sich. Aus Björns Glas träufelte ein wenig Sekt auf die weitläufige Dachterrasse. Im Hintergrund eine hell erleuchtete Nacht. Gold strahlende Wolkenkratzer. Viele Krümel Menschen mit Raketen wuselten auf der Straße. Überall hin schießende Lichter. Ein Minifeuerdrache speit seine Lichtkanone zwischen die winzigen Lücken auf dem Bild. Die Farben spiegelten sich in Andreas Augen wieder. Er würde den Kuss zuerst beenden.
Björn knetete im Hintergrund immer noch verschiedene Lebensmittel durch. Dazu mischte sich irgend etwas, was meinen Magen knurren ließ. Andreas merkte es sofort. Fast schon erwartete ich einen Krankenwagen, der mich sofort mit Flüssignahrung versorgen würde. Doch es blieb bei einem gut vorbereiteten Snickers aus der Hemdtasche. Für den Notfall, lächelte Andreas.
Das Foto mit der vorbeifahrenden Straßenbahn war gar nicht aus New York, wurde ich korrigiert. Aus Budapest sei das. Die kaufen die alten grünen Straßenbahn aus Deutschland und malen sie blau an.
Klar. Straßenbahnen kennt jeder. Jeder fährt jeden Tag damit. Doch wer steckt hinter den grünen Dingern? Andreas. In Hannover erfüllte er sich selbst seinen Lebenstraum. Nun ist Andreas Hannovers wohl bekanntester Straßenbahnfahrer. Eine Zeit lang trug er verschieden gefärbt Irokesenschnitte. Hier und da war er mit Piercings geschmückt. Ein Silberner ging durch seine Nase. Viele Kollegen waren nicht gut auf ihn zu sprechen. Es gebe viel Gerede. Andreas sei das wumpe. Er hatte was in seinem Leben gelernt: es sich nicht erträglich zu machen. Andreas lebte. Und wenn Andreas um acht seine Schicht in der Linie vier beginnt und er ein erstes „Guten Morgen“ über die Lautsprecher der Bahn verkündigt, will er seine Fahrgäste mit dieser Idee anstecken. Ich war schon nach der ersten Waffel infiziert.
Andreas hatte einen schüchternen guten Freund. Ein Student. Maschinenbau. Oft fuhr dieser Freund in Andreas Schichten mit ihm. Er liebte den Blick aus den Fenstern der Straßenbahn. Genau wie Andreas. Jeden Tag passiere was anderes. Der schüchterner Freund sah alles nur für wenige Sekunden:
Eine Kellnerin, die über den kleinen Dackel stolperte; Das rote Fahrrad, mit den Blumen am Lenkrad; Ein heulendes Kind; Eis auf der Straße. Regen träufelt die Fensterläden entlang. Linden-Daddys mit weiten gelb gestreiften Hosen und grünen Kinderwägen beim Shoppen. Dann fuhr die Bahn schon weiter. Andreas Freund überlegte sich auf der Fahrt Geschichten zu den kurzen Sekunden, die er Einblick in ein Leben hatte. Einmal überlegte er auf einer anderen Fahrt von Ahlem zum Aegiedientorplatz sein Studium zu schmeißen. Er tat es. Andreas half ihm dann Straßenbahnfahrer zu werden.
Das Essen war fertig. Ich weiß immer noch nicht genau, was da vor mir auf dem Teller stand. Nach den ersten Bissen fiel ich in tiefe Trance. Lecker. Meine Augen öffneten sich erst wieder, als ich zu meiner eigenen Überraschung mitten in einer Fahrradtour steckte. 25 Kilometer. Erstaunlich wie gut es mir nach der Hälfte noch ging.
Über Wiesen und Wälder (Eilenriede), Stock und Stein (Maschsee) zischte Hannover an mir vorbei. Andreas und Björn wussten alles über diese Stadt, wie es sich für ein Königspaar gehörte; Dabei waren sie erst vor ein paar Jahren zugezogen. Kennen gelernt hatten sie sich nicht in der Schwulendisko in der Nähe von der Jugendherberge am Maschsee, auch wenn sie beide oft da gewesen waren. Erst im Chat hatte es gefunkt. Eigentlich hielt der Straßenbahnfahrer nicht so viel von Technik. Er hatte noch nicht mal ein Handy. Und Fremde über dieses Internet treffen? Heute war ich schon sein vierter Couchsurfer in diesem Jahr.
Wir setzten uns in die Nachmittagssonne des Biergartens in Linde. Björn gab eine Runde aus. Angeduselt von der zweiten Runde, erzählte ich von meinem Internetdate. Auch da gab es Bier. Einen Sixerträger Becks. Und eine Tunfischpizza. Ich hatte den Mund offen stehen, als ich in ihre Tür eintrat. „Du mochtest doch Thunfisch, oder?“
Das Internet bietet unglaubliche Möglichkeiten, fuhr Björn fort. Das fand ich auch. Arabische Revolutions Getwitter. Wikipedia. Couchsurfing. Dieser Blog. Noch nie schien es offensichtlicher, wie sehr möglich Menschen sich auf der ganzen Welt verbinden und organisieren könnten. Und es auch tun. Das Königspaar hörte mir nervös zu. Doch klar; Euren Thron möchte ich stehen lassen. Ein kommunistisches Ehepärchen. Zaghaft erinnerte ich mich an die leckere Schokoladenwaffel zurück; Nicht zu viel erinnern. Oh Doch! Die war so gut! Die Trance hatte mich erneut im Griff.
Der nächste Augenblick wo ich wieder zu Bewusstsein kam war am Leineufer. Zusammen räumten wir die Glassplitter von letzter Nacht weg. Andreas hatte mit seinen Oi!-Freunden gegrillt***. Björn war schon um zwei Uhr gegangen. Aufräumen gehöre dazu. Aufräumen. Gehört. Dazu. Ja. Akzeptiert. Ich räumte auf. Die kommunistischen Oi!-Könige mit einem Hang zum Umweltschutz, übten ungewöhnlichen Einfluss auf mich aus. Doch ich gehorchte.
„Ja, das war genau der Grund, warum ich mich unbedingt mit ihm treffen wollte“, schwärmte Björn. Ich hingegen hatte weitaus weniger Glück mit meinem Internetdate. Nach der Tunfischpizza musste ich spontan gehen, weil es einer Freundin, die bei meinem Date anrief, spontan nicht gut ging.
Betrübt räumte ich die letzte Scherbe in den blauen Sack. Dann versenkten wir ihn bei der Limmer Schleuse in den Mülleimer. Tief. Sehr tief. Da, wo niemand mehr dran denken würde.
Niemals mehr!
Ein durch die Schleuse künstlich aufgebauter Wasserfall rauschte uns die Ohren voll. Björn erzählte mehr sein Hannover.
Umgebaute Straßen. Unbekannte Straßenbahntunnel; Noch unter denen des Hauptbahnhofes. Ein unterirdisches System von Gängen, die sich durch die Innenstadt zogen. Eine zweite Altstadt, die im zweiten Weltkrieg komplett zerstört wurde. Dieses Hannover war ein Typ, der schon viel mitgemacht hatte. Über die Entstehung seines Namens ist man sich übrigens nicht mehr sicher.*
Verblüfft wanden wir unseren Blick vom Wasserfall ab.
Hannover hat viel zu bieten. Das würde gar nicht erkannt werden. Du kannst hier sein und dieses grüne und das Wasser an dich ran lassen, oder fährst in fünf Minuten dahin, wo sich Linden-Daddys um Handtaschen prügeln. Hannover lebt!
Und ich überlebte mit ihm; So gar die letzten fünf Kilometer. Ein fitter Mensch war ich doch; Stolz entglitt mir eine Träne der Erleichterung. Dann naschten wir bunte Milka-Osterhasen, auf der großen Liegewiese in der Stube und guckten eine monarchisch Komödie mit Hape Kerkeling**. Als sich die beiden schon lange in ihren Schlafsaal verabschiedet hatten, blies ich Strolch die letzten von vielen Teelichtern auf der Fensterbank aus. Ein sehnsüchtiger Blick zum Mond. Jaul. Ein Chor von güldenen Engeln flatterten zum Kronleuchter über mir. Sie setzen sich und untermalten meine Gesänge. Diese achte Nacht machte alles dunkel. Ich schloss die Augen. Und schlief. Tief. Es klingelte. Susi rief an und jaulte zurück. Dann wechselte ich die Couch.
Am nächsten Morgen stand in dem Horskop der „HÖR ZU“ für mich Folgendes:
„[...]GLÜCK: Ein kurzer Ausflug wird ihnen neue Perspektiven zeigen. Haben sie keine Angst!“
Ich gehorchte dem Befehl, packte meine Sachen und machte mich angstfrei zu Couch # 9 auf.
PS: In Parkistan wurde übrigens ein Königssohn beim urinieren vor einem Restaurant fotografiert. Manche Ding scheinen sich wohl nie zu ändern.
* Andreas informiert: Früher dachte man noch, Hannover leitet sich aus dem altdeutschen Wort „Hannovere“ ab, was so viel bedeutet wie: „Stadt an der Furt“. Plausibel. Die Leine hat eine Furt, über die früher Kutschen und Pferde reisen konnten. Weil alle Menschen nur über diese Furt reisen konnten, hatte sich schon sehr bald ein paar pfiffiger Kaufmannsleute dort niedergelassen und ihre Waren verkauft. Daraus entstand dann später die Stadt Hannover.
Doch inzwischen weiß Andreas, dass der altdeutsche Name „Hannovere“ damals noch eine ganz andere Bedeutung hatte. So bleibt die Namensherkunft weiter ungeklärt.
** Willi Und Die Windzors
*** http://www.youtube.com/watch?v=bjqoua1sIvk
Am See erzählt mir Luna von ihrer Liebe; Von ihren einjährigen Aufenthalt im A
nstrengung und traf mich direkt. Als ich später im Bus zu Marens WG in der List saß, war ich wirklich froh, dass ich nicht angefangen hatte zu flennen. Jesus hat eine Zeitmaschine. Und wie ich später auf Marens Klo las: „Magier sind Menschen, die Rückwerts in der Zeit reisen.“
er Tag als Student. Hornbrille zurecht rückend und meine gewienerte Ledertasche an mich pressend steh ich vor dem Spiegel im Bad meines heutigen Hannoveraners. Ich hoffe in der UNI nicht aufzufallen; Mich ja anzupassen; Nichts Falsches in den wohlgeformten Köpfen der jungen Studenten zu vermischen. Klar, dass ich bei der Wahl meiner Oberkleidung das in nur zwei Farben gegliederte T-Shirt vorzog - schwarz, weiß - nichts ahnend, dass Hammer und Sichel unter dem eher unpolitischen Studentenmob so verpönt war.
Mein T-Shirt gefiel ihm auf anhieb. Es wäre gelogen, wenn ich hier nicht schreiben würde, dass ich den netten Menschen aus dem Land der dreisten Händler nicht schon vorher mal bei irgendwelchen Veranstaltungen getro
Mit gestärkten Selbstbewusstsein tranken wir uns äquivalent dazu in einen Rausch. Das passte ganz gut zu den Räumlichkeiten hier unten. Wenig Licht. Ein paar abgeranzte* Sofas. Wir fühlten 