Montag, 18. April 2011

Couch #1 | Das Projekt ist gescheitert!


Krise. Aus mehren Gründen kann ich meinem Experiment schon nach dem ersten Tag nicht mehr gerecht werden; Würde es um die 14 Leben gehen, die ich in den 14 Tagen beschreiben wollte, dann hätte ich das Experiment zahlenmäßig schon heute abschließen können.
Doch bevor es Abend wurde und ich überhaupt eine Idee von einer Studentenparty hatte, begrüßten mich Tim und seine Mitbewohnerinnen Sarah und Bibi . Lachend. Stürmisch.
Zuvor war ich mit einer Susanne von Hamburg zurück nach Hannover getrampt und hatte eine belanglose Diskussion über ihren Freund, der zufällig auch André hieß. Im Laufe der dreistündigen Fahrt entwickelte sich bei mir der leise Verdacht, dass sie die Beziehungskrise, in welcher sie grade steckt, auf mich übertrug. Sichtbar wurde das, als sie mir während einer Hasstirade gegen die beste Freundin von André ihren Coffee-2-Go über meine Hose kippte. Zum Glück war der nicht heiß, weil sie beim vielen beschweren nicht zum trinken gekommen war.

Ich überlegte auf der Straßenbahnfahrt von Garbsen – dann über den Kröpcke in die 9 nach Empelde und „am Schwarzen Bären aussteigen“ – alle möglichen Szenarien durch, die ich gleich erleben könnte („Ich finde den Eingang hier nicht“ „Da und da“ „Achso!“) Doch klar ist es dann anders, als im Gedankenkarussell*. Ich steig zitterig aus der Bahn aus und rein in meine erste von 14 Realitäten. Von Tim wusste ich vorher nichts, als eine Handynummer inklusive Adresse; Wobei sich später herausstellte, dass die Handynummer die falsche war und Tim somit nicht wusste, dass meine Tramperei eine Stunde mehr in Anspruch angenommen hatte, als gedacht.

Doch der leckeren Begrüßung nach, ging das klar. Der Kuchen war ein Traum. Ein richtiger Schokoladenkuchen. Einfach nur Schokolade mit einem allumfassenden Schokoladenguss. Ich wurde eins mit der Schokolade. Immer tiefer versank ich in diesem warmen, zartenTeig. Mit jedem Bissen, fühlte ich mich noch mehr angestachelt, einen weiteren zu nehmen. Und ich war erfreut, als ich später auf der Studentenparty, zu der es der Abendplanung nach gehen würde, seinen großen Bruder kennen lernen durfte.
Während erste Informationen ausgetauscht wurden, schwebt ich glücklich und zufrieden im 7. Himmel. Oh wunder der Natur! Schokoladeeenkuchen in seiner ganzen Pracht!**

Tim hat sich nach einer Beamtenlaufbahn für den zweiten Bildungsweg(e) entschieden. Und tatsächlich schilderte er mir beide Lebensabschnitte auch so, wie ich sie grade titulierte. Eine Bahn für Beamte, die sicher gebaut war und keine großen Abweichung zuließ – ähnlich vielleicht wie eine Achterbahn, aus der man ja auch nicht raus kommt (bloß ohne Loopings und große Steigungen (und schreien ist da auch nicht drin)) – stand seinem Freigeist entgegen, der nicht auf den Looping verzichten wollte. Als Beamter der Stadt Hannover war seine erste kollegiale Lektion sich auf einem Klo zu verstecken, sobald es auf der Baustelle nichts mehr zu arbeiten gab. Mit dreiundzwanzig Jahren überlegte Tim an einem der Tage, an denen er mit dem Steppenwolf*** auf dem Klo saß, ob es nicht angenehmere Orte geben könnte. Das Klo war ihm also nicht mehr groß genug und er tauschte es spontan gegen eine Abendgymnasium ein.

Während ich mich von Tims Leben fließen ließ merkte ich, wie der Kaffee auf meiner Hose anfängt nach zulassen. Für eine Stunde wollte ich mich hinlegen, um später noch alles in mir verschlingen zu können, was da um mich passieren würde. Tim zeigte mir also meine erste Couch. Ein Piratenschiff:



Leider gab es keinen entsprechenden Traum zum Bett. Aber nachdem wir sein Bücherregal besucht hatten****, entschieden wir uns, frei wie wir beide waren, uns öfters zu besuchen. Ich werde also weiter an meinem Piratentraum dran bleiben.
Tim zog sich zurück und ich war plötzlich alleine in diesem fremden Zimmer, genau wie jetzt am Morgen danach. Und all diese Tapeten und all diese Lämpchen, Kronkorken umschlungene Bettstangen, uralten mit Stickern verzierten Radios, der Spielautomat aus Holz, afrikanischen Gardinenvorhängen, dieser Geruch der mir ein Gefühl gab, wie gestern Abend noch in Hamburg, als ich am Hafen stand und den Ozean beim hin und her wippen beobachtete, die kleinen Figürchen, die von meinem Piratenbett runter hängen



, die wahrscheinlich was mit Buddhismus zu tun haben und ich wieder merke, dass es so viele Realitäten gibt, die ich nie durchdringen kann. Das, was sich über viele Jahre in diesem Zimmer um mich aufgebaut hatte – so viele Geschichten, die hier passiert waren – das alles kann ich mit Buchstaben nicht durchdringen. Egal wie viele ich noch investiere. Dieser Ort ist niemals ganz zu durchdringen. Und so saß ich gestern wie heute vor dem Laptop und überlegte, wo ich trotzdem einen Anfang setze und war echt froh, als mir das jemand abnahm:



Fetti (nur einer von vielen seiner Namen) hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Aus dem Tierheim mit Spritzen und Diätprogrammen zu Hause wieder aufgepäppelt (drei Kilo in einem Monat abgenommen! *****), lebt er nun sein kreatives Leben in der WG aus.



Den Blogeintrag von Fetti hat sich als weniger gehaltvoll erwiesen, als ich es mir erhofft hatte und ist mit einer diffusen Abfolge von „Q's“ und „!'s“ zusammen zu fassen. Er ließ auch sonst nichts über die Bedeutung durchdringen. Fetti hat es zumindest geschafft, mich von dem „Gigantischem“, was ich nicht fassen konnte, hin zum intensiven Schmusen zu verleiten. Wir beide zogen uns für eine erholsame Stunde ins Piratenbett zurück.

Ein wenig (dieses mal warmen) Kaffee und dem Rest meiner Club Mate Flasche trinkend, die ich zur Begrüßung mitgebracht hatte, zogen wir nach meinem Aufwachen zum Studentenwohnheim nach Ricklingen. Und wieder erkannte ich, dass ich meinem Experimenet nicht gerecht werden könnte. 23 Jahre lang wandere ich schon durch diese Stadt. Hannover. Angeblich langweilig. Nun gut; Lena. Das macht es schlimmer. Aber der geneigte Hannoveraner/Langweiler vergisst/verdrängt das. Ricklingen war mir gänzlich neu. Erschrocken über meine Umwissenheit torkelten wir durch die laue Sommernacht zum Wohnheim. ******
Die Party umfasste genau 15 Leben aus 7 verschiedenen Ländern. Erasmusstudentin Fatima berichtete mir mit ihren 25 Jahren über ihren Moderatorenjob, der sie nicht ausfüllte – ich gönnte mir mein zweites Bier und merkte auf der Couch, dass mir die Mischung aus den verschiedenen Kaffees und Herri nicht gut tat. Mein Blick schweifte über die Party Gesellschaft ab. Ein Kickertisch und acht Mitspieler. Jeder mit seiner eigenen Geheimsprache, die der andere nicht verstehen würde. Jeder mit einem langem Reiseweg der heute hier Pause hatte, um Punkt 24 Uhr lachend den Kickertisch für einige Minuten alleine stehen zu lassen. Der Doppelgeburtstag wird mit einem internationalem „Happy Birthday“ angestimmt. Einige Jungs ließen die Hosen runter, um den Geburtstagskindern ihren Arsch zu zeigen. Dieser Brauch war mir neu. Ben – eigentlich Benjamin, doch den Namen wollte er nicht mehr länger tragen, als er in der Grundschule damit aneckte *******– schenkte seiner Freundin, der Erasmusstudetin, zwei in einer Verpackung eingeschweißte Erotikwürfel. Auf einem der milchig-schimmernden Würfelseiten war jeweils ein Körperteil zu lesen und auf dem anderen entsprechenden Verben (schmusen, küssen, streicheln), die man auf das Objekt (Nippel, Po, Vagina) anwenden soll („Ich pack' aus!“ „Nein, erst später :P“ „Wieso? Ich will wissen, was auf der Rückseite von dem Würfel steht“ „Fisten!“ - ein Partylacher, der sich über die Lautstärke des Happy Birthdays noch hatte hinweg setzen können.

Ich fixiere meinen Blick wieder auf die großen braunen Augen Fatimas und lasse mir erzählen, dass sie eine Diplomatentochter sei. Ihr ganzes Leben war bis zum Erreichen ihres Abiturs durch Reisen bestimmt: „Vier Jahre Madrid waren mir zu viel – ich musste da raus“. Und auch das eine Jahr in Deutschland, in dem sie an der Fachhochschule Journalismus studiert, scheint ihr wieder langweilig. Ihr Vater wollte schon immer lieber, dass seine Tochter was bodenständiges macht. Medizin studieren. Doch Fatima langweilt sich schnell. Sie kann sich nie lange mit nur einer Sache beschäftigen. Jeden Tag was Neues. Springen – rückwärts- und „wenn's funktionieren würde, dann auch gegen alle Naturgesetze“. Beim erzählen klingt sie sehr souverän, als hätte Fatima diese Geschichte schon vielen Leuten erzählen müssen. Ich beneide sie um das erlebte, doch als ihr Freund Ben sie mitten in einem weiteren Erzählfluss vom Sofa abholt und zum Geburtstagstanz auffordert, spüre ich plötzlich selbst die Diplomatentochter in mir.

Ich bin zwar keinem Staat verpflichtet und meine Reise führt auch (noch) nicht über Kontinente, doch die Gemeinsamkeit sehe ich im Aufbau von Beziehungen. Ganz klar. Eine Verbindung von diesem Bildschirm zu dem warmen Ort von gestern Nacht aufzubauen, wo ich zum ersten Mal festgestellt habe, dass man nicht einfach in eine Fisch reinbeißen darf, wenn er nicht aus der Dose ist, so wie ich ihn bis gestern nur kannte. Auch, wenn ich nur ein paar Fischgräten aus dem großen fettigen Fisch zeigen kann und keine 14 Leben in 14 Tagen (und auch nicht darüber hinaus) in seinem ganze herbei schreiben werde, freue ich mich schon auf 19 Uhr; Wenn ich aus dieser Matrix am Schwarzen Bären, in die nächste zu Jan in der Südstadt einsteige und gucke, ob es da neuen Fisch oder Schokoladenkuchen gibt. Schmatz. Mehr!




* http://www.youtube.com/watch?v=gcNzRllscqU
** 789 Rezepte um diesen für mich besonderen Moment nach zu empfinden, habe ich hier entdeckt: http://www.chefkoch.de/rs/s0/schoko+kuchen/Rezepte.html
*** mit Herrmann Hesses „Steppenwolf“ (ungefähr Seite 56) http://www.dieterwunderlich.de/Hesse_steppenwolf.htm
**** Der Name der Rose (Umberto Eco) & Das Parfum (Patrick Süßkind)
***** http://www.amazon.de/Abnehmen-Aldi-Wochen-Di%C3%A4t-Programm/dp/3612209523 (mir ist schon beim Cover schlecht geworden)
******Jetzt wo ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich ja nicht Hannover mit meinen Worten einhüllen wollte. Sondern nur die 14 Tage mit ihren 14 Leben. Also – das Problem waren die 14 Leben, nicht die Erkenntnis über einen Stadtteil, von dem ich zuvor nur gerüchteweise gehört hatte und der trotzdem so langweilig war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wie die anderen Stadtteile halt.
******* http://www.youtube.com/watch?v=an9smMptFCM (Benjamin Blümchen <3)

1 Kommentar:

  1. "*entspricht nicht der Wahrheit " Der Plan

    das kann man jawohl über weite textteile sagen. ich hätte nicht erwartet, dass du die wahrheit so strapazieren würdest.und das nur um einen unwichtigen blog, den sowieso kein mensch liest, aufzupeppen und cool zu erscheinen.
    wenn ich das hätte absehen können hätte ich dich mit nem arschtritt aus der party geworfen

    viele liebe grüße
    ben

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