Freitag, 29. April 2011

Couch # 6 | Ich Kann's Nicht Sagen

Erst mal eine Playlist für diesen Blog erstellen. Ist ja schon wieder ein paar Tage her, seit das passiert ist. Die Gefühle ein wenig raus kitzeln. Egotronic macht den Anfang. Ich kann's nicht sagen. Passt gut. Ich kann's nicht sagen.

Ich muss es doch irgendwie in Worten zusammen kleben können. Klar ist es immer pathetisch. Ich weiß. Sie las mir dieses Gedicht vor. Da lag ich schon auf ihrem Bett und mein Herz klopfte ihr Reimschema ab. Uns verband eine traurige Kindheit. Beim erzählen, fand ich mich selbst dramatisch.

Schon wieder nicht genug. Immer noch platt. Bekomm es nicht reingepresst, in diese Buchstaben. Außerdem ist mein „E“ nur teilweise funktionsfähig. Gestern noch mit Teppichkleber neu fixiert.

Ich mach noch mal den Song an. Ich kann's nicht sagen. Alles ohne E. s gibt in mng Wort di ich ohn „“ nicht schribn könnt.Der Bass geht direkt in mein Ohr. Am Tisch mir gegenüber sitzt ein Araber und glotzt; Wippt seinen Kopf im Takt des Beats. Wenigstens er scheint zu verstehen.

Du willst auch die Revolution?“ Klingt leicht spanisch. Der Araber lächelt tückisch.Ich lächle zurück und kraule schmunzelnd meinen revolutionären Bart.

Heute bin ich in dieses Café mit den roten Wänden. Sonst war ich immer in dem mit Bionade-Menschen. Grüne einsame Mütter, die mit ihren Kinderwägen einen Kilometerstau vor der Kasse erzeugen. Die Mütter lebten dort für ihre Kinder. Nutzten es auch als Waffe. Für Aufmerksamkeit Und die bekamen sie. Immer:

ACHTUNG! HIER KOMMT DIE MUDDI MIT IHREM KLOPPS! DEN KÖNIG DEN ICH GEBAR HAT DAS RECHT ALLE FENSTERSCHEIBEN DIESER STRAßE MIT EIS VOLLZUSCHMIERN! WEHE IHR SAGT WAS DAGEGEN! KINDERHASSER!“*

Am See erzählt mir Luna von ihrer Liebe; Von ihren einjährigen Aufenthalt im Asylheim und von dem, was sein soll. Intensive Blicke. Eine weitere aggressive Mutter mit ihren Gänsekinder blockierte uns den Weg. Wild fauchte sie los. Wir lachten. Ich war angespannt. Nervös. Wie Britney vor ihr ihrem ersten großen Auftritt – vielleicht. Auch wenn sie es jetzt schon so oft gemacht hat. So gar vor Kameras. Immer noch war ich nervös. Machte doofe alberne Sprüche. Hörte wieder auf damit, als die Gänsemutter uns mit wildem Flügelschlag passieren ließ.

Als junges Mädchen kam sie aus Syrien. Am selben Tag, an dem wir uns trafen, brach die Revolution aus. Endlich. Aber sie forderten nur demokratische Evolutionen. Das sei zu wenig. Als ich am nächsten morgen über die Schulter von Lunas Mutter auf den PC Bildschirm guckt, vor dem sie die halb Nacht nach Neuigkeiten gewacht hatte, schämte ich mich. Hatte sie uns gehört?

Lunas Mutter war nach Deutschland gekommen, um ihrer Tochter Sicherheit zu geben. Ein Abitur. Sie selbst hatte Architektur studiert. In Deutschland war sie aber nicht ausreichend mit den Gesetzten vertraut und fand so keine Anstellung mehr. Nächster Song. Selbes Gefühl. Schmerz. Nein. Doch nicht. Klingt aber an diesem Punkt ganz gut. Ich blende zurück zu dem Punkt, wo wir uns verabschiedeten. Am historischen Museum. Hinten war noch das Wasser der Leine zu hören. Plätscher, plätscher. Strahl, strahl. Sonne, Sonne.

Ich würd' dich gern küssen“

Sie gab ihn mir. Einen kurzen.

Ich kann das nicht.“ Luna wurde hibbelig, als sie ihre Augen wieder öffnete. Sie warf ihr langes schwarzes Haar in ihren Nacken. Spielte damit. Ihr tiefschwarzen Augen blickten mich nicht an; So wie gestern.

Ganz fest drückte sie meinen Körper an ihren. Sie hielt mich fest. Wir schwiegen. Nächster Song: „Ich will nur“ Hm. Jetzt wird es kitschig. Na gut, ich lass mich noch ein wenig weiter drauf ein und komme zum Anfang. Das Textgewirr zeigt die Momente, die grade wild in mir her fliegen. Ordnung? Wozu. Es ist wie es ist. Ist es wie es ist? Ist das in Ordnung?

Wir fanden uns im Ballhofcafé – seit September geöffnet. Die Besitzerin erzählte mir fröhlich, dass sie nun eine Förderung von über 10.000 Euro bekämen**, mit denen sie die Bands bezahlen könnte. Viel Indiebands. Das Café gefällt mir; Doch ist es noch nicht gut besucht. Hin gehen!

Ich würde noch öfters hier her kommen. Club Mate für 1,50 aus einer Flasche, die ich nicht kannte. Seit gut einem Jahr war ich nun schon abhängig von diesem koffeinhaltigen Getränk. Zum Abi hin, hatte ich stattdessen eine ganze Kanne Kaffee getrunken. Der Café hier im Notre Dame kostete 2,30. Karamellgebäck inklusive.

Unbezahlbar hingegen die Erleichterung, die ich bei unserer Begrüßung empfand.

Den Tag über hatte ich nach einer Couch auf Hannovers Straße gesucht. Überall. Doch es war Feiertag und nur Rentner mit ihren Enkeln auf den Straßen, die eher weglaufen wollten, als mir ihre Couch anzubieten – so war zumindest mein Gefühl. Ich verstand das. Seit Beginn meiner Couchsurfer-Tour hatte ich meinen Bart wild wachsen lassen. Zu den vielen Stoppeln hatten sich ein paar Pflänzchen gesellt. Ein Bäumchen. Hier und da eine Urwaldkolonie. Ein Einwohner ging mit seinem Esel auf Wanderschaft, um am nächsten Morgen auf meinem Kinn aufzuwachen. Noch einmal kratze ich mich im roten Café mit dem Araber am Bart und bestellte eine Fanta. 1,50. Warum kostete das Wasser 70 Cent mehr? Ist es heilig? Revolutionswasser? Ich fragte, doch die Bedienstete guckt mich nur komisch an.

Eine Gruppe Raver hatte ich noch nach einer Couch gefragt. Hannovers Raver treffen sich jeden Freitag am Opernplatz. Mit von der Party: ein gammliger Kassettenrekorder und – ein Kinderwagen! Das Baby schlief ruhig. Ich bin echt keine Lattemachiato-Mutter, aber ein Baby inmitten einer offensichtlichen Drogenhochburg fand ich nicht richtig. Das letzte Rentnerehepärchen was ich erfolgreich verschreckt hatte, blickte mir noch hinterher, als ich mich entschied den Ravern meine Meinung zu sagen.

[...]Ist doch mein Ding, oder ist das etwa dein Kind?“, fragte die Mutter wütend.

Ich hoffe nicht.“

Die Mutter spuckte mir ins Gesicht.

Viel Spaß damit beim Vaterschaftstest“

Mütter in Hannover haben eine satanische Seite, wenn es um ihre Brut geht. Frustriert räumte ich den Opernplatz. Die Rentner von eben warfen mir mitleidige Blicke hinterher. Bräuchte ich nicht den Speichel des Babys, für einen Vaterschaftstest? Oder sah ich schon alt genug aus, ihr Vater sein zu können? Egal von wem ich der Vater sein sollte, Geld genug hatte ich sowieso nur für die Fanta, die mir jetzt beim bestellen auf einmal erstaunlich günstig erscheint.

Eine Couch auf Hannovers Straßen zu finden, gestaltete sich also als unmöglich. Spontan entschloss ich mich Luna an ihrem Arbeitsplatz zu finden. Darum begrüßte sie mich auch herzlich in ihrem Ballhofcafé und bot mir ein Stück Schokoladenkuchen an. Ich schwebte. In diesem siebten Himmel, von dem so viel geredet wird. Schokoladenkuchen. Sie war es. Mit was wenn nicht mit Schokoladenkuchen hätte sich die perfekte Frau für den sechsten Tag zu erkennen geben können. Ich umarmte sie und fragte sie nach einem Übernachtungsplatz. Klar. Kein Problem.

Der Sonnenuntergang glitt beim Verdauen meines Schokoladenkuchens durch Kleefeld nur beiläufig an mir vorbei. Hier und da waren Seen gemalt. Geheime Wegen nach irgendwo. Leute die im warmen Gras saßen und ihre Zehen lackierten. Holzkohle glühte langsam runter. In weniger als zwei Stunden hatten wir uns unser Leben anvertraut.

Dieses Gedicht dann später auf ihrem Bett, was sie immer bei sich trug. Wir beide lagen neben einander. Sie las es vor. Wie über einen dieser vielen geheimen Wege schien es mir in dieser Nacht. Kaum einzusehen, wo er hinführte. Auf halben weg noch mal zurück gehen, um dann den anderen dunklereren Pfad zu gehen. Ein wenig Morgentau in meinem Kopf.

Die Playlist spuckt die nächste Ballade raus.Trällert von Freiheit und denkt, es sei was besonderes. Der Song-Mensch würde sie nicht weg geben wollen; Die Freiheit. Die Wahrheit ist, dass das gar nicht möglich ist. Das Gefühl, was zwei Menschen verbindet, beweist, das Freiheit immer da sein kann. Liebe ist eine besondere Sphäre. In ihr scheinen die Gesetzt unter denen wir leiden und Freude haben, ausgeschaltet. Das gestern war keine Lieb. Aber es war so was, was es hätte werden können. So ein Gefühl von Freiheit.

Doch dann vor diesem Museum, in Hannover. Kein Erich Fromm hätte das rationalisieren können. Kein Adorno könnte schwerere Gefühle auslösen. Für sie war es eine Nacht. Klar. Natürlich. Für mich doch auch nur. Klar. Wir sehen uns bestimmt wieder. Das war halt das sechste Leben auf meiner Tour. Mehr nicht. Es kommen ja noch acht andere. Bis dann.

Playliste ist zu Ende. Ich geh mit meinem Gepäck ein wenig verstört durch die Mittagssonne der Limmerstraße. Kaue an meinem Brötchen rum; Brösel dran rum. Gib einer Taubenfrau, die grade von ihrem Lover belästigt wird ein paar Krümel ab. Hoffe, dass es mal eine sympathische Mutter wird. Gucke so frei, wie es in dem Lied vorhin beschrieben wurde. Genau so will ich jetzt gucken. Doch das funktioniert natürlich nicht. Ich werde ein Teil der Playlist. Nach belieben abspielbar. Am nächsten Abend zum Beispiel. Plötzlich war ich wieder bei ihr. Sie hat nur auf play gedrückt. Lässt mich abspielen. Und ich finde das trotzdem gut.

* Worte einer Angestellten. Ich distanziere mich natürlich nicht.

** Aussage wird zurück gezogen!

Donnerstag, 28. April 2011

Couch # 5 | Im Wald Schizophren werden

Eine Bierflasche ergibt sich der Schwerkraft. Als Ganzes weiter zu existieren wird unmöglich. Sie teilt sich auf in viele kleine verschiedene Splitter. Manche sind größer und tun weh, wenn man sie beim tanzen nicht beachtet. Andere lassen sich mit der Schuhsole gut vereinen – fallen erst in der Bahn nach Hause, oder nie auf. Der Flaschenhals bleibt immer ganz. Sehr stabil. Aus ihm könnte man immer noch trinken.

Maren bildet Pädagogen aus. Doch, bevor mich diese lehrreiche Frau am Mittag umarmt, war ich ganz woanders. Im Gericht. Noch immer leicht angetrunken.

Ali's schwedische Geliebte von letzter Nacht hatte einen Freund. Einen Ex-Freund. Der war aggressiv. Um 8 Uhr wollte sie zusammen mit mir und Ali eine Nummer ziehen, um den Typen auf Abstand zu halten. Leider gab es nur dreißig Nummern, wie uns später erzählt wurde. Das diese 30 Nummern schon vor 8 Uhr aufgebraucht waren, wurde uns klar, als wir die überfüllte Schlange sahen. Ich fragte mich laut, ob die Leude alle für einstweilige Verfügungen anstanden.

Nein Schätzchen, hier hat jeder sein eigenes Schicksal.“

Pamm Pamm! Ein Schuss mitten in meinen Lachmuskel Die Frau, die so patzig losgeballert

hatte trug langes blondes Haar. Offenes langes blondes Haar. Große Augen. Strahlend. 35; Sah aber aus wie 25. Hatte früher gemodelt. New Yorkerin... Also nur zwei Jahre älter als ich.

Die Schwedin musste zum ersten Mal an diesem Tag laut lachen. Frühes Aufstehen und dann das Gerichtsgebäude hatten uns bis jetzt nur wenig erheiternde Momente gelassen. Eher erschreckende. Zum Beispiel der:

Einem Wartenden ging das mit den knappen Nummern zu weit. Er

schlug auf den grauen Kasten ein. Drei Männern überwältigten ihn. Dann war es wieder still.

Er – der Abgeführte – erinnere die Schwedin an ihn – ihren Ex-Freund – sagte sie mir mit blassen Worten. Mehr erfuhr ich nicht. Nur noch, dass sie große Angst hatte. Deshalb begleiteten wir sie. Ob es hier auch einen Kaffee gab?

Fang lieber an zu rauchen“, hustete die Amerikanerin mit hoher Stimme.

Du rauchst?“

Schätzchen, denkst du, ich will noch ewig hier leben? Natürlich rauche ich!“

Nicht ewig leben?“

Schau dich doch um.“ Eine alte blasse und leicht zittrige Gerichtsdienerin kam mit einem Zettel in der Linken aus einer der Eichentüren und rief Nummer sieben auf.

Die zum Beispiel raucht bestimmt nicht. An ihrer Stelle würd' ich Kette rauchen, um endlich aus diesem Gebäude abtransportiert zu werden.“

Ziemlich negativ, oder?“

Schätzchen, wenn du drei Tage in dieser Sackgasse hier verbringst und auf deinen Richter wartest, wüsstest du wovon ich spreche.“

Zumindest die Schwedin musste erneut lachen. Ali verstand nichts. Nach einer weiteren Stun

de warten auf einem Plastikstuhl, verloren wir ebenfalls die Lebenslust.

Crystal hatte Jura und Literaturwissenschaften in New York studiert. Philosophie fing sie in Deutschland eher aus Langeweile an, weil sie keinen Job fand.

Das erklärte auch, warum sie so viel Zeit mit warten verbringen konnte.

Schätzchen, ich hab zwar ordentliches Sitzfleisch, aber das gehört nicht auf diesen Pappstuhl, sondern dahin, wo es gesehen wird.“ Ihr ausgefeilter Sexismus hatte ein beruhigend Wirkung auf uns. Crystal versprach, den Richter für uns zu bearbeiten. Ich zweifelte nicht an ihren Überredungskünsten.

Als ich kurze Zeit später mit meinem Automatencafé zurück zu den Wartenden kam, waren die

schon mit ihrer Anhörung fertig. Crystal hatte den herzensguten Richter wohl überreden können, die Schwedin vorzulassen. Der hatte den Antrag lächelnd abgestempelt und ließ Nummer 13 durch seine Gehilfin rein rufen.

Crystal war besonders und ich stand auf das, was sie zum Abschied sagte:

Schätzchen, just be yourself. Jeder trägt seiner eigenes Schicksal mit sich. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.“ Dann hörte ich ihr kaum noch zu und ließ mich eher von ihrer Ausstrahlung blenden. Sie war wie ein lebendiger Hollywood-Kitsch-Film. Die mochte ich auch. War ich verliebt?

Sie sprach aus tiefster Überzeugung;Holte alles raus ohne große A

nstrengung und traf mich direkt. Als ich später im Bus zu Marens WG in der List saß, war ich wirklich froh, dass ich nicht angefangen hatte zu flennen. Jesus hat eine Zeitmaschine. Und wie ich später auf Marens Klo las: „Magier sind Menschen, die Rückwerts in der Zeit reisen.“ Der Spruch bleibt hängen.

In Marens Küche schmiss ich ein paar Bierflaschen auf den Küchenboden, als wir nach drei Stunden reden endlich das Eis gebrochen hatten. Maren und ihre jüngere Mitbewohnerin Britta spielten mir 'Hits' aus ihrer Jugend vor. Peter Maffay. Dann dieses französische Bummslied. Je t'aim. Wir lachten heftig. Britta erzählte von ihrer ersten Arbeitgeberin in einem Steuerbüro. Sie war Alkoholikerin und gönnte sich regelmäßig verlängerte Wochenenden; Bedingt durch ihren übermäßigen Schnapskonsum. Tauchten im Büro montags oder dienstags mal Anfragen auf, die Britta alleine nicht lösen konnte, lallte die Chefin trotzdem qualifiziert Antworten von zu Hause aus durchs Telefon.

Einmal auf einer Weihnachtsfeier explodierte ein Konflikt: Brittas Chefin gegen Ex-Ehemann. Das was die Alkoholikerin und ihren Ex-Mann bis dahin noch vereinte, war die gemeinsame Kanzlei, die sie ebenfalls noch gemeinsam geführt hatten. Als der Ex-Mann allerdings mit seiner neuen „Tuse“ aufgekreuzt war, platzte der Angeheiterten Ex-Frau der kragen. Sie rief wutentbrannt ihren neuen Lover an. Er sollte „SOFORT!“ kommen. Der spätere Polizeieinsatz in dem kleinen Steuerbüro am Steinhudermeer konnte das schlimmste leider nicht mehr verhindern. Die gebrochenen Nasen, der aufeinander losgegangenen Aktuell– und Ex– Männer mussten im nahe liegenden Krankenhaus repariert werden. Die Chefin hatte diesen Abend noch viel geweint und natürlich getrunken und wachte erst wieder im Knast aus dieser Depression auf. Neben ihrem Ex-Mann; rechts. Und links; ihr Aktueller.

Auf den Weg vom Krankenhaus nach Hause, hätte die Alkoholikerin ihr Auto lieber stehen lassen sollen. Nach diesen diffusen Ereignissen hatte sich das üblich verlängerte Wochenende der Alkoholikerin, nun noch auf den Mittwoch ausgeweitet.

Das was von meinem verschütteten Bier übrig geblieben war, klebt dreist am Küchentisch; Lässt meine Hand in Zeitlupe zurück ziehen, als sie das matte Tischholz verlassen will. Auch die Tischbesitzerin Maren war anhänglich; Sie liebte junge Menschen; Zu sehen, wie sie jung in eine neue Klasse rein geboren werden und als erwachsene Pädagogen die BBS verlassen. Was sie denn so beigebracht bekämen, wollte ich wissen.

Eine vom Kehrblech vergessenen Scherben der zerdepperten Bierflaschen versetzte mir einen leichten Stich im Fuß, als ich beim zuhören unbewusst im Takt der Küchenmusik stampfte. Viele kleine Splitter, die es als Mensch zusammen zu halten gilt. Nie ist man eine Einheit; Illusion! Mein Kopf prickelte wie ein erigiertes Fass Brausepulver.

Der Wahrnehmungsfilter setzte auf einmal aus. Im Wald. Tief dunkle Laubhütte, in der sie eine Woche schliefen. Ihr Sohn und der Rest seiner Studentenkollegen. Regie sollte nicht nur heißen, Filme zu machen, sondern sie auch zu leben. Leben lernen könne man nur da, wo Realität mit der Idee des Regisseurs verschwimme, so die Tutorin. Sie karrte ihre junge Gruppe in den Schwarzwald, erzählte Maren weiter. Abgeschnitten von der Außenwelt. Alleine. Marens Sohn hatte einen Kreativitätsschub. Jeden Tag länger an diesem kalten verregneten Ort, machte ihn freier. Er lernte die Schwerkraft zu überbrücken. Alles schien möglich. Auch für seinen Studienkollegen Georg. Am dritten Tag wurde Georg von einem Krankenwagen abgeholt; In die nächste Klinik. Nach einem Monat dort wiesen sie ihn in eine Anstalt ein, wo er bis heute ist.

Unter Wissenschaftlern sei man sich heutzutage relativ einig, dass Schizophrenie durch ein Wegbruch des Wahrnehmungsfilters entstünde. Alle Informationen würden ohne Schutz auf das menschliche Gehirn eingeprasselt. Die Folgen: Stimmen die nie da waren. Geräusche. Bilder, die es nicht gibt. In anderen Kulturen wurden solche Menschen als Dorfschamanen verehrt.

Tiefe Angst mischten sich Marens Worten bei. Ich konnte mir das wegbrechen des Wahrnehmungsfilters gut vorstellen. Vielleicht zu gut. Sich von allem frei machen. Alles ungefiltert aufnehmen. Genau das ist das, was ich durch mein Projekt versuchte zu erreichen. Schnell verdrängte ich diesen Gedankengang, um ihn hier noch einmal kurz aufblitzen zu lassen.

Mit einem kalten Lappen wischt Maren über die klebenden Bierreste. Dann sprach sie weiter. Ungefiltert:

Wenn Traumata verarbeitet werden sollen, so gibt es verschiedene Techniken. Eine Technik funktioniert mit einer imaginären Fernbedienung; Im Kopf des Patienten. Mein Kopf prickelte immer noch. Bunte Lichter flitzten vor meinen Augen. Viel hatte ich nicht getrunken.

Der Patient wird ein halbes Jahr stabilisiert; Von der Psychologin. Immer gut zureden. Zuhören. Assoziieren lassen. Dann kommt die kurze Phase der Traumaarbeit. Der Patient wird nun zu dem zurück versetzt, was ihn belastet. Durch die Fantasiefernbedienung steuert der Traumatisierte das Schreckliche mit einer gewissen Distanz. Er kann weiter spulen, wenn es zu viel wird. Er musst stoppen, um zu verstehen. Zu begreifen; Zu Verarbeiten. Die Fernbedingung wird wieder weg genommen. Der Patient wird noch ein weiteres halbes Jahr stabilisiert. Fertig. Das Fass mit dem vielen Brausepulver explodierte. Gleichmäßig verteilte sich die prickelnde Masse über meinen ganzen Körper.

Es gab auf dieser Welt sicher viele Gründe sich in den Tod zu rauchen,vier oder fünf Tage in der Woche Schnaps zu trinken, oder sich im Wald einer Schizophrenie hin zu geben. Doch es gab immer noch den abgebrochenen Flaschenhals, erklärte mir Brittas Freund, der sich zur später Stunde an unseren mit Kerzen beleuchteten Küchentisch setzte. Maren Schloss die Balkontür. Ein Freund hatte ihn am Mittag neu mit Fliesen verlegt. Ein Freundschaftsdienst. Der Freund war seit einem Jahr ohne Job und ohne festen Wohnsitz. Maren unterstützte ihn, so gut sie konnte.

Brittas Freund war Biker. Nicht Rocker, wie ich immer zu ihm sagt. Bis zu diesem Abend waren mir die Unterschiede nicht klar gewesen. Auch er hatte Freunde, die ihm mit seiner Yamaha halfen. Ein ganzes Netzwerk, ähnlich wie die Couchsurfing-Community. In ganz Deutschland. Gab es mal eine Panne, müsse er nur eine der vielen Nummern anrufen und würde zumindest einen Schlafplatz bekommen. Das beeindruckte mich.

Über das Leben sei schon viel gesagt worden, philosophierte der Biker. Alles gesagte, stimme vielleicht immer für einen gewissen Moment. Für diesen Moment, so sagt er, stimme es, dass wir viele sind. Ganz viele unterschiedliche Teile einer Flasche. Wir könnten viel Spaß zusammen haben, liegen aber zersplittert in verschiedenen Mülltonnen auf dieser Welt rum. Manche brennn. Manche stinken einfach nur. Das was uns vereint ist das Wissen über den Flaschenhals. Und wenn wir es endlich packen würden, uns ihm anzuschließen, könnten wir alle trinken.

Bevor der Rocker mit Britta ins Bett ging, nahm er noch einen letzten genüsslichen Schluck von seinem Bier. Alkoholfrei.

Dienstag, 26. April 2011

Couch #4 | „Kurzer Fick?“ beim Küchengarten

Mein erster Tag als Student. Hornbrille zurecht rückend und meine gewienerte Ledertasche an mich pressend steh ich vor dem Spiegel im Bad meines heutigen Hannoveraners. Ich hoffe in der UNI nicht aufzufallen; Mich ja anzupassen; Nichts Falsches in den wohlgeformten Köpfen der jungen Studenten zu vermischen. Klar, dass ich bei der Wahl meiner Oberkleidung das in nur zwei Farben gegliederte T-Shirt vorzog - schwarz, weiß - nichts ahnend, dass Hammer und Sichel unter dem eher unpolitischen Studentenmob so verpönt war.
Die nötige Portion Notgeilheit – wie es sich für den Maschinenbaustudenten pflegt - habe ich mir in der letzten Woche Couchsurfen ausreichend antrainiert. Ebenfalls einen markanten Pickel, der mein Intellekt zum Ausdruck bringen sollte. Nein nein – ich war nicht so naiv ihn auszudrücken, damit alle meinem vernarbten Gesicht mehr Aufmerksamkeit schenken würden, als meinen qualifizierten Aussagen. All in all fühlte ich mich bereit. Zu studieren.

Kurz vor der UNI begann meine Maske jedoch zu zittern. Das eiskalte Maschinenenbau-Face bekam erste Risse, als wir vor der UNI angekommen waren. Ich nahm eine menschlichen Kontakt nach außen auf. Dabei muss man an dieser Stelle bemerken, dass die meisten Maschinenbaustudenten in erster Linie den Kontakt zu sich selbst suchen. Auch körperlich. Doch mir war bald klar wieso.
In der heutigen Zeit, sei es wichtig, seine Professoren zu verklagen. Es schickt sich nicht, sich mit guten Noten abzufinden, wenn sie nicht auch sehr gut sein können! Aha! Die Dame mit dem Packen Flyer vor der UNI hatte recht; Das sah ich ihrem strahlendem Gesicht an. Ich wollte also sofort alles darüber wissen, wie ich meinen Professor verklagen könne, den ich gleich kennen lernte. Was ich denn da so anklagen wolle, fragte mich die hübsche brünette Jurastudentin. Das überließ ich ihrer Fantasie, entgegnete ich keck; Untermalt mit einem wohldosiertem Augenzwinkern. Angemessen für einen Maschinenbaustudenten. Aha!, dachte sich die für ihre geschätzte 32 Jahre noch recht gute aussehende Dame und verschwand zum nächsten Klienten.

Ich fühlte mich plötzlich naiv. Sicher hatten andere Studenten schon lange vor Studienbeginn einen gnadenlosen Prozessplan gegen jeden einzelnen ihrer Lehrkräfte ausgearbeitet. Alleine wie ich da so mit meinem Maschinenbaustudenten Ali stand, war ich nicht lange. Nächste tröstende Worte fetzten mich aus meiner studentischen Depression heraus und verlangten die Antwort auf die Frage, nach einer Massage. Das war genau das richtige, dachte ich mir und ließ mir den nächsten Flyer in die Hand drücken.

Unterschreibe: ____________________!

Von eine auf die andere Minuten war ich in einen willenlosen Tagtraum versunken, aus dem ich mich nicht glaubte jemals wieder mit eigenen Kräfte befreien zu können. Ich griff zum Kugelschreiber und wollte den zweijährigen Knebelvertrag schon unterschreiben, als Ali die Gefahr witterte.
Mit seinen flinken Studentenfingern, griff er mir den gelben Kulli ab und warf ihn mit einem wütenden Gesichtsausdruck zu Boden. Dann kuschte er den verwirrt drein blickenden Flyer- Verteiler mit ein paar geübt aussehenden Handbewegungen aus unserer Reichweite.
Ali war 19 Jahre lang in der Weltmetropole Istanbul groß geworden. Seine herzliche Mutter war eine niedere Politikerin mit Ambitionen, sein Vater Gemüsehändler in einer kleinen Nachbarstadt neben Istanbul. Sie hatten sich auf einem dreitägigen Familienfest kennen gelernt, an deren Ende beiden die Ehre zu Teil wurde ein Kalb zu opfern. Für den Islam. Über den ersten Kuss wusste Ali nichts.

Als Jugendlicher hatte Ali viele Freiheiten genießen können, die anderen Türken in seinem Alter untersagt waren. Dazu gehörte zum Beispiel der beschränkte Genuss von Alkohol. Ali glaubte an den Kommunismus. Allah war für ihn wie ein böser Weihnachtsmann, den er ihn in seiner Kindheit mehr als strafend, denn als liebend wahrnehmen konnte. Ich sagte ihm auf Englisch, dass der Deutsche auch nicht viel besser sei.

Mein T-Shirt gefiel ihm auf anhieb. Es wäre gelogen, wenn ich hier nicht schreiben würde, dass ich den netten Menschen aus dem Land der dreisten Händler nicht schon vorher mal bei irgendwelchen Veranstaltungen getro
ffen hätte. In Istanbul steckten die Verkäufer den Touristen ihre Ware direkt ohne zu fragen in den Mund, um dann abzukassieren. Als ich mir den Flyer später mit klaren Augen durchblickte, war ich froh, dass Ali ich mich mit seiner kulturellen Prägung vor der Fitnesshölle bewahren konnte.

Maschinenbaustudenten hätten eine ganze außer-maschinelle Welt gegen sich gerichtet. Jeden Tag. Ich nickte betreten. So hatte ich das ganz noch nicht gesehen. Ich versprach den Menschen zukünftig beim vorbeigehen nicht mehr in die Augen zu schauen, noch sie anzusprechen, oder mit einem Lächeln zu verunsichern. Die Verwandlung zum perfekte Maschinenbaustudent war abgeschlossen. Ali war stolz.

Wir zwei Kommunisten zogen in den großen Hörsaal der Universität Hannover und verstanden beide nichts. Wir gingen; In den Elchkeller. Eine Studentenabsteige in der Fakultät für Sozialwissnschaften. Natürlich dort. Und natürlich auch nicht, ohne Flyerverteiler auf den 150 Metern. Doch dieses mal wa
r ich stark. Souverän antwortete ich dem besorgt auf mein T-Shirt blickenden Jobagentur-Menschen, dass ich grade in einer Vorlesungen für Maschinenbau gewesen war. Fast erleichterte zog er sein Berufsberatungsgespräch samt seiner Person zurück in den Hintergrund, wo er auf weitere Versager der Gesellschaft lauerte. Heute sollte ich nicht dazu zählen.

Mit gestärkten Selbstbewusstsein tranken wir uns äquivalent dazu in einen Rausch. Das passte ganz gut zu den Räumlichkeiten hier unten. Wenig Licht. Ein paar abgeranzte* Sofas. Wir fühlten
uns auf anhieb wohl. Dann forderte Ali ein paar Alteingesessene zum Tischkickern auf. Ein kultureller Genuss, dem ich jeden wärmstens ans Herz legen möchte. Die Kickerer sind herzensgute Menschen, immer im Elchkeller zu finden und immer gerne dazu bereit eine Partie zu spielen. Dabei erzäh-
len sie lustiges aus Nietzsche und Pausenbroten, mit
oder ohne Ziegenkäse. Die Welt hat unglaublich viele Tricks parat, um den runden Ball ins Loch zu kriegen. Wir lachten und tranken; Nicht mehr, als sie uns auch in der zweiten Runde gnadenlos in die Knie zwangen. Ich war am Boden zerstört.

KURZER BREAK

**

BREAK ENDE


Selbst internationale Fußballkickertourniere solle es hier geben. Wow. Mehr davon. Er verriet mir einen weiteren Kniff, um den Ball ins Tor zu donnern. Ich war beeindruckt. So hatte ich an meinem ersten Tag als Student doch noch was gelernt. Erleichtert nicht versagt zu haben und nicht dem harten harten Druck eines angehenden Bachelors zu unterliegen, machten wir uns auf den Weg von der Kneipe auf in Richtung REWE am Küchengarten. 6er Packs waren heute im Sonderangebot. Das haben nicht nur wir mitbekommen, auch Lindens bekannteste Prostituierte leckte sich genüsslich die Zunge, als sie neben uns das Angebot betrachtete. Richtig nahm ich sie erst wahr, als sie schwankend zu Ali glitt und ihm in seinen hoch gegelten Haaren herum wuschelte:
„Gute Junge bist du! Guter Junge!“
Der Student lächelte kurz und verschwand dann mit mir in Richtung Kasse. Doch die korpulente Bierkäuferin gab keine Ruhe und schrie uns hinterher: „Fick mich!“
Und noch irgendwelche Wortfetzen, die ich nicht verstand. Unheimlich wurde mir, als sie sich in der Schlange direkt hinter uns angeschlichen hatte: „Kurzer Fick?“, fragte sie unverbindlich. Ich guckte Ali an und Ali mich. Dann guckte er die Prostituierte an und sie ihn. Dann guckte ich beide an, wie sie sich anguckten. Auch die Kassieren guckte sie an; Und fragte nach 4,58 Euro. Ali fuchtelte wie eben noch beim Flyer-Menschen mit seiner Hand. Ha, dachte ich. Dem würde sie nicht lange stand halten. Doch wieder erwartend schrie die Prostituierte erneut los. Wir gingen. Schönen Tag noch, wünschte uns die genervte Kassieren. Ich legte ihr den Fitness-Gutschein für eine Massage aufs Kassenband.

Auf der Faustwiese vibrierte Linden. Sonnen, Ihme (oder Leine?), und ein ziemlich cooler Wind floss in eine Trommelsession mit vier alten Türken ein. Alle trugen lange graue Bärte. Sicher gläubig. Wir setzten uns mit unserem Bier dazu und waren auf anhieb Brüder. Ali zeigte mir eine Saz. Sie hatte nur drei Saiten und konnte Dritteltöne spielen. Die tiefen Bässe mischten in meinem Bauch alles kräftig durch. Als es vorbei war, war ich kein Maschinenbaustudent mehr. Ich war Türke. Die Sprache war noch schwer. Die alten brachten es mir Stück für Stück bei. Ich saugte das Wissen in mir auf, wie die vegetarischen Würstchen, mit denen sie mich fütterten. Multikulti war wirklich tot, aber mein türkisches Blut würde nie aufhören zu pulsieren; Im Takt von Ali, der lachend die nächste Trommelrunde anstieß. Biernippend schloss ich den Abend. Meine ersten vegetarischen Würstchen: Nicht gut.

Ein Gespräch, mit einem istanbulschen Philosophen. In Istanbul könne man noch mit allen Professoren saufen gehen. Hier natürlich nicht. Alles war konventioneller im Deutschen Lehrbetrieb.
Manchmal gingen sie in den UNI Wald und philosophierten dort. Oder tranken nur Tee. Schwarzen natürlich. Marx war im türkischen unzureichend übersetzt. Darum wolle Ibrahim hier schnell Deutsch lernen. Auch er mochte mein T-Shirt und guckte ehrlich, als er das sagte. Ich erzählte ihn von den Hemden aus dem Hörsaal und dem Studenten, der über drei Plätze verteilt Sachen verstreute, um Kommunikation zu verhindern, während Ali mit einem finnischen Mädchen aus einem benachbarten Sitzkreis rumknutschte. Weit hinten am Horizont kam die Prostituierte vom Küchengarten zu uns zurück und schrie lauter als zuvor, als sie ihren potentiellen Kunden rumknutschen sah. Doch dieses mal passte das Schreien gut zum Takt der Trommelmusik.Salam Alaikum.


* die OpenOffice (.org) Rechtschreibüberprüfung bietet mir das Wort 'abgearbeitete' Sofas an, was stilistisch sowie realistisch gesehen auch gut passt

** Bin grade nur halb da; Noch halb mitgerissen von meiner gestrigen Couch. Kant, Hegel, Marx - alles war möglich. Ein Ausflug zu den Sternen erwies sich beim Korrigieren als zu kurz gedacht:

„… die ekelig bunte Masse geht an diesem DesignerCafé entlang und fühlen sich kritisch und mündig - ich schreibe diese Zeilen mittendrin – nichts von beidem sind sie und werden es nie sein. Dieses Viertel ist eine große Lüge, die den Kapitalismus mit Latte-Macchiatos und Bionade auf ekelhafteste Weise überdeckt. Wenn noch nicht mal mehr die Sphäre der Kritik vor einer Ökonomisierung gesichert ist, dann kann das revolutionäre Subjekt doch nur noch im versifften Plattenbau rumlungern. Vielleicht sollte ich mich mal auf die Suche nach ihm machen, anstatt es immer nicht zu entdecken. Marx die Knalltüte hat seinen Arsch nie aus seinem Museum raus bekommen. Arsch. 1,90 Euro für Wasser hier! Rabatt gebe es erst, wenn ich mir einen Anti-Atomkraft Button auf meine Mütze stecke. Nö. Auf dich, Karl.“

Freitag, 22. April 2011

Couch #3 | Der Fisch


Stillschweigend dreht sich der Fisch an seiner Grillstange. Melancholische Blicke verfolgen sein weiteres Ableben. Stille. Trauer. Der Professor gegenüber erhebt zu erst das Wort; Ob noch jemand Kartoffelsalat wolle. Plötzlich ein überschwängliches Stimmengewirr aus Entschuldigungen und Vorwürfen: „Nein danke, ich hab schon“ und: „Nimm du dir doch noch den letzten Biss'n“.

Dann wieder das quietschen der rostigen Grillstange. Die wärme vom Grill fing an meine Kontaktlinsen zu trocknen. Ich schloss ruhig meine Augen, damit sie nicht rausfielen. Eine Flasche Herri unterbrach die Massenhypnose. Sie landete weich im Kartoffelsalat, der vor mir auf dem Tisch stand. Genüsslich leckte ich mir die Majospritzer von meinen Lippen und bereute kurz, dass ich das Angebot des Professors vorhin abgelehnt hatte. Unsere Gesellschaft war sich inzwischen über die Herkunft der Bierflasche im klaren.

Eine Studentengrillfeier war nur wenige Meter von uns entfernt im Gange. Zwei Balkone weiter, um genau zu sein. Die Flugbahn des Herris war qualifiziert berechnet und von einem grellen Lachen begleitet worden. Die Professoren waren froh, ihren Studenten in den letzten vier Jahren doch was beigebracht zu haben.

Die alten Herren sahen die Welt mit den Augen von Genießern. Auch die Kartoffelsalatreste in ihren Bärten ließen darauf schließen.
Eine Professorenkonferenz in Brasilien; Das Eis war gebrochen. Sie sprachen über die Vorzüge eines Beamtenstatus und über Hierarchien in der Universität. Ich überlegte mich zu betrinken. Später gab es Wodka. Ein kleines Gläschen hatte schon gereicht, um der Praxis meinen Überlegungen vorgreifen zu lassen. Das clevere Pärchen mit meiner heutigen Couch aus der Südstadt, hatte den Wodka aus Slowenien von ihren Eltern. Einmal im Jahr traf sich dort das ganze Dorf mit ihren Obstresten. Dann wurde alles in die Destilliermaschine geworfen und heraus kam das, was mich in den nächsten Stunden und am morgen danach im Griff hatte.

Mit lockerer Zunge sprach ich von hier und da. Die Professoren um mich stellten wenig Gegenfragen; Genossen eher die Worte um sie herum. Hatten vielleicht auch gar nichts mehr zu sagen, weil sie alles in ihrem Leben schon einmal gesagt hatten. Für sie war es wie bei einer Wiederholung von den Simpsons. Manche Details hatte man vorher nicht beachtet und konnte beim zweiten Mal das große Ganze besser verstehen; Eigentlich war aber alles klar.
Später schalteten wir von Simpsons zurück auf den Fisch. Der drehte sich immer noch wie am Anfang und war auch immer noch tot. Nichts Neues. Abschalten...

Das Zarte Richterchen

Ein zartes Richterchen war der große Herr. Sein Kopf ragte bis zur Decke seines kleinen Amtssitz, inmitten eines großen Gebäudes, was seit jeher den Namen Gericht trug. Nicht, dass das Richterchen nichts mit dem zu tun haben wollte, was sein Amtssitz umgab – nein, nein, nein! Das waren des Richterchens zu vielerlei Behauptungen!
Er öffnete sein Fensterchen und schaut sich die Blümchen beim wachsen an. Ah, dachte der Richter und atme dabei aus. Dann lächelte der Riese, duckte sich, und kam mit seinem Kopf zurück in den Amtssitz, um noch ein paar mehr Stempel zu benutzen.
Wenn das Richterchen einen besonders guten Tag hatte, nahm er sich all seine Stempel und stellte sich direkt neben den großen Berg von Akten, den er immer auf seinem Schreibtisch stehen hatte. Das Fräulein, seine Sekretärin, musste dann das Stempelkissen neu mit tiefblauer Tinte einweichen. Das Richterchen nahm Anlauf mit seinem rechten Arm, hob ihn hoch noch über den Kopf bis er die Decke seines richterlichen Amtssitz berührte, lachte drei mal laut auf und ließ dann den Arm des Gesetztes auf den einstweiligen Verfügungen walten.
Doch meistens war das Richterchen ein trauriges. Die Menschen wollten Stempel um Stempel. Niemand interessierte die Tiefen der Ozeane, aus denen der Oktopus das Tintenfässchen zusammen mit seinen Freunden füllte. Zwitschernde Vögel haben sie nie gesehen. Tinte um Tinte – jeden Tag ist es das selbe. Wie arm die armen armen Oktopüschen doch waren. Diese armen armen Oktopüschen.

Mittwoch, 20. April 2011

Couch # 2 | Der traurige Manager von 64 Leben

Dieses Gefühl, als hätte ich diesen Menschen grade verschlungen. Auf ein paar Resten kaue ich noch rum. Ein pappiger Belag auf meiner Zunge lässt sich wohl erst im Zug entfernen. Zähneputzen. Mich ein wenig zurück verwandeln. Darüber nachdenken, was da grade passiert ist:

Jan ist ein Hannoveraner auf Absprung. In wenigen Tagen wird sich der smarte Mann – eigentlich aus Freiburg - nach Frankfurt fügen müssen.
Mit dieser Formulierung wäre er wahrscheinlich nicht ganz einverstanden. Jan möchte nach Frankfurt. Ihn erwarte ein neuer Arbeitsbereich – Frankfurt. Der jetzige mache ihn nicht fertig. Er wolle einen Tapetenwechsel. Zwei Jahre lang die selben drei Fressbuden seien genug. Was er von Hannover sonst mitnehme? Den Maschsee natürlich. Das Rathaus. Klar. Die Südstadt gefalle ihm nicht. Die Miete ist okay. Linden – ja, davon hatte er auch mal gehört. Ein alternatives Stadtviertel. Ja, das ist schön. Ich überlege kurz, ob ich Linden verteidigen mag. Doch ich will lieber zu zuhören.

Die Fahrstuhlfahrt zu Tim war begleitet, von meinem Spiegelbild. Ich war immer noch versunken in die Ereignisse von vor ein paar Stunden. Ich lächelte; Auch immer noch, als ich die Wohnung betrat; Doch es verzerrte sich schnell, als mein Spiegelbild sich nun in einer dunkel-schwarzen Sonnenbrille spiegelte. Die Sonnenbrille gehörte zu Jan und Jan zu einer Zweizimmerwohnung, in die er mich reinbat. Zwei rote Primeln am Fenster. Ein Großes Bett in der Mitte. Daneben ein arbeitsbereiter Schreibtisch. Akten. Ein Vertrag den ich nicht verstand. Wände. Das Bad trägt ein Parfüm in der Halterung neben dem Waschbecken. Über die Herkunft wusste Jan nichts mehr. Ein Shampoo in der Dusche.

In der Grundschule war er mit dem Bus aus seinem Dorf gefahren, zusammen mit vielen Bauernkindern. Jedes Jahr durfte er ein Stück weiter nach vorne aufrücken. In der 10. Klasse saß er immer ganz vorne. In der Firma gebe er nichts mehr auf Managertitel.
„Erst bist du Assistent für ein Jahr. Dann überlegst du langsam, dass du mir Geld willst. Du gehst zum Chef und willst mehr Geld. Doch stattdessen gibt er dir einen Managertitel. Das sieht schick auf der Visitenkarte aus. Das Gehalt bleibt gleich. Die Arbeit steigt natürlich, um ein vielfaches.“ Es sei nicht darauf reingefallen. Er war ein Einzelkämpfer.

Gegen seine Schulkameraden hatte er eine Abneigung. Jan erzählt mir, dass er keine Möglichkeit hatte mit ihnen zu reden, weil er keinen Traktor hatte und auch nichts über Reben wusste. Lieber höre er zu. In seinem Bus fuhren ansonsten nur Kinder aus Bauernfamilien mit. Kinder mit Bauernhintergrund.

Vielleicht resultiert ja daraus seine Abneigung gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Ausgestoßener. Ich kann da nichts zu sagen. Ich weiß noch nicht mal direkt, ob er tatsächlich ein Rassist ist. Klare Positionierungen hab ich später am Abend nur zum Thema Atomkraft von Jan gehört; Die müsse bleiben, damit die Wirtschaft weiter funktioniere. Sonst scheint es mir, dass Überzeugungen für ihn nur im Job notwendig sind. Effizienz. Durchsetzungsvermögen. Außerhalb dieser Sphäre wären Dogmen lästiges unwirtschaftliches Beiwerk. Wieso also seine Gedanken nach außen tragen, wenn sich daraus nichts ergibt.

Ein schmaler Flur; ausgeleuchtet mit dem, was der flüchtende Sommerabend noch an Strahlen hergab. Das Fenster war nach außen hin weit geöffnet und ließ den Wind mit den haselnussbraunen Schalosien im Takt der Jazzmusik pulsieren, die aus den Computerboxen im Wohnzimmer her ein Gefühl von angetrunkensein verbreitete. Sein Wohnzimmer verrät nichts von dem Kapitalisten, welches es verbirgt. Das Finanzmonster schlief tief in ihm. Ruhig. Angepasst. Doch bereit zum töten, als er kurz nach meiner Begrüßung mit einem Kollegen am Handy kommunizierte: „Abstoßen!“
Endlich nahm er die Sonnenbrille ab. Kurze Pause; Dann zog Jan die buschigen Brauen hoch und hatte dabei seine Augen auf das doppelte der vorherigen Größe anwachsen lassen.

„Das ist nicht länger tragbar. Das weißt du.“
Jan schüttelte den Kopf. Ein kurzes abwartendes Lächeln in meine Richtung sollte mir signalisieren, dass es länger dauern könnte. Dann wandte er den Blick wieder ab; Ins große Leere. Diese Leere würde ich am Abend noch öfters in ihm sehen.
„Kein gute Idee […] .“
Ein Lachen, unterbrochen von einem Atemzug, den er zwischen seinen Zähnen presste, als hätte er plötzlich starke Zahnschmerzen. Auflegen. Sich mir zuwenden.
„Ja, tut mir leid. Das musste geklärt werden.“

Jan hatte ein ganze Menge zu klären. Zwei große Einkaufszentren; Ein Mietshaus mit 64 Bewohnern in der Region. Zeit um sich selbst zu klären, blieb ihm nicht. Darum entschloss er seine Aufmerksamkeit mit mir und einer Wäschetrommel Boxershorts zu teilen, die er aufhing.

Er sei nicht der Typ, der aufmukke. Das überließ er den anderen. Die würden spätestens nach einem halben Jahr abspringen; Aus dem Englischem Großkonzern, der eine Deutsche Tochter Gesellschaft in Frankfurt am Main hatte. Die fünf Jahre, die er nun schon Teil des Finanzunternehmens war, hatten seinem Gesicht einen schwer beschreiblichen Ausdruck aufgestempelt. An seinen größtenteils kahlen Wänden war mehr abzulesen; Eine kleine markante Stelle, links neben seinem Bett, zeigte etwas Farbe; Das Bild einer Frau mit langem schwarzen Haar, zusammen mit ihm am Strand von Indonesien. Beide hielten ein Glas Wein und umarmten sich. Sie lächelten mir entgegen. Es sei seine schönste Erinnerung, sagte er mir kurz bevor wir zu Bett gingen. Damals war er ein Idealist.

Er liebte die neuen dunkelblauen Uniformen der Polizei. Die alte, die er mir beschrieb, hatte ich nicht mehr in Erinnerung. Doch er kannte jedes Details. Beim Aufnahmetest hatte er Probleme mit der Rechtschreibung.
„Um Menschen zu helfen, braucht es doch kein Kommasetzung, nicht?“ Sowieso sollten die Ausländer erst mal lernen richtig zu sprechen, bevor er als Deutscher über Kommas bescheid wissen müsse.

Ich fragte, warum er seinen Traumberuf aufgegeben hätte. Das hatte er nicht. Noch vor zwei Jahren wollte er sich ein letzte mal bewerben und alles hinter sich lassen. Nun sei er zu alt dafür. Über sein Scheitern, wollte der nicht reden. Es tat ihm jedes Mal weh, wenn er draußen auf der Marienstraße ein Polizeiauto höre. Oder wenn er im Fernsehen „Alarm für Kobra 11“ ansah. Das war vielleicht auch der Grund, warum er keine Poster, oder kleine Figürchen von der Polizei in seinem Wohnzimmer stehen hatte.

Die Frau auf dem Foto war ein letzter Traum – sonst sah er die Welt realistisch. Einen kleine Sphäre der Ideen, in der etwas sein könnte, weit draußen in Asien – bei einer Frau die, genau wie er, eine 50 Stundenwoche hatte. Nur erhielt der Manager von Bauobjekten ein vielfaches mehr, als die asiatische Tochter eines Nähfabrikbesitzers. Auch wenn ich mich darüber wunderte, dass sein Gehalt nur für eine Zweizimmerwohnung ausreichte. Jan sagte, dass er für sein Alter monatlich 300 Euro zurück legt. Für die Enkel; Damit die auch mal kommen. Geld sei alles.

Mir wurde ein bisschen schlecht, dass einer so junger Mensch schon an seine Enkel dachte. Ob ich das in 10 Jahren auch tun würde?
Sie hatten sich auf einer Sprachreise in New York – zwei Wochen – verliebt. Nach Deutschland mag sie nicht kommen. Er könnte nicht nach Indonesien ziehen. Der Job und so weiter. Er vermisse sie schon. Einmal wollte er zusammen mit ihr zu einer Steinigung gehen; Eine Angeklagte; Ehebruch. Doch seine Freundin wehrte sich. Der große Tsunami in Indonesien, der danach kam, hätte dafür gesorgt, dass Steinigungen nun nicht mehr stattfanden, da eine Islamische Mehrheit in diesem Land „weggespült“ wurde. Fast schien er ein wenig traurig um die verpasste Gelegenheit der Steinigung – dann wurde sein Gesichts wieder so Emotionslos, wie vor meiner Entdeckung des Farbflecks auf der kahlen Wand.

Gegen Abend fuhren wir zum Steintor und aßen einen Döner. Mein Magen knurrte erst, als wir schon da waren. Vorher war mir eher nach schlafen zu mute. Kurz hatte ich Angst, als wir auf dem Weg zu seinem Auto mit dem Fahrstuhl im Kellergeschoss gelandet waren. Klar – ich hatte vergessen, wie wichtig ihm der Stellplatz bei dem Umzug von Wuppertal nach Hannover gewesen war. Dafür zahle er auch gerne ein wenig mehr. Doch mir war nicht klar, dass dieser Stellplatz im Kellergeschoss seine würde und so war mir für einige Sekunden mulmig , als wir in dieser Tiefgarage alleine lang schlichen. Er hatte während unseres Gesprächs einen neun Gesichtsausdruck aufgelegt, den ich ebenfalls nicht beschreiben kann.

Der Döner war okay. Ohne Fleisch. Ein paar Oliven. Ein paar Wortfetzen zwischendurch. Er guckte mich jedes mal an, wenn ein Gespräch stattfand. Er hatte eine bestimmte Art zu reden, wenn er mich von etwas überzeugen wollte. Als ich mir einmal im Vodafon-Shop einen überteuerten Tarif aufschwatzen lassen habe, war es ganz ähnlich. Eine Frage wurde gestellt, die sogleich von ihm mit einem „nicht?“ beantwortet wurde und dann ging die Argumentation gleich weiter. Nach etwas haltloseren Behauptungen, verdeutlichte er diese wiederholt mit „plastischen Beispielen“. Ich konnte mir gut vorstellen, dass ihm diese Fähigkeit sehr nützlich bei der Arbeit war. Zum Beispiel als er den 64 Menschen seines „Verwaltungsobjekts“ per Post mitteilen musste, dass ein Zwangsauszug kurz bevor stehen würde. Jan ist einem ständigen Druck ausgesetzt. Nicht nur er fühlte das, sondern auch ich. Doch er wollte sich nach außen hin stark zeigen und das machte es schwer für mich, zu ihm durchzudringen.

„Gewerberaum bietet im Moment einfach einen größeren Gewinnspielraum. In England war das schon immer so; Konzerne verkaufen ihre Gebäude an uns und setzen somit eine größere Summe für sich frei, die sie dann in das investieren können, was sie am besten können – zum Beispiel Bayer. An die vermieten wir jetzt ihr altes Eigentum und die machen den Umsatz mit den Pillen. So macht jeder mit dem Geld, was er am besten kann.“

Was aus den 64 Mietern werden würde, war noch nicht klar. Es würde sich eine Lösung finden lassen. Doch nicht in seiner Abteilung.
„Soziales geht mich nichts an. Klar will jeder mal Supermann spielen“, sagte er und schlang den letzten Bissen seines Döners runter.
„Doch meine Chance Supermann zu sein, ist abgelaufen.“
Beiderseitiges nicken.
„Lass uns gehen. Ich bin müde.“
„Ich auch.“

Montag, 18. April 2011

Couch #1 | Das Projekt ist gescheitert!


Krise. Aus mehren Gründen kann ich meinem Experiment schon nach dem ersten Tag nicht mehr gerecht werden; Würde es um die 14 Leben gehen, die ich in den 14 Tagen beschreiben wollte, dann hätte ich das Experiment zahlenmäßig schon heute abschließen können.
Doch bevor es Abend wurde und ich überhaupt eine Idee von einer Studentenparty hatte, begrüßten mich Tim und seine Mitbewohnerinnen Sarah und Bibi . Lachend. Stürmisch.
Zuvor war ich mit einer Susanne von Hamburg zurück nach Hannover getrampt und hatte eine belanglose Diskussion über ihren Freund, der zufällig auch André hieß. Im Laufe der dreistündigen Fahrt entwickelte sich bei mir der leise Verdacht, dass sie die Beziehungskrise, in welcher sie grade steckt, auf mich übertrug. Sichtbar wurde das, als sie mir während einer Hasstirade gegen die beste Freundin von André ihren Coffee-2-Go über meine Hose kippte. Zum Glück war der nicht heiß, weil sie beim vielen beschweren nicht zum trinken gekommen war.

Ich überlegte auf der Straßenbahnfahrt von Garbsen – dann über den Kröpcke in die 9 nach Empelde und „am Schwarzen Bären aussteigen“ – alle möglichen Szenarien durch, die ich gleich erleben könnte („Ich finde den Eingang hier nicht“ „Da und da“ „Achso!“) Doch klar ist es dann anders, als im Gedankenkarussell*. Ich steig zitterig aus der Bahn aus und rein in meine erste von 14 Realitäten. Von Tim wusste ich vorher nichts, als eine Handynummer inklusive Adresse; Wobei sich später herausstellte, dass die Handynummer die falsche war und Tim somit nicht wusste, dass meine Tramperei eine Stunde mehr in Anspruch angenommen hatte, als gedacht.

Doch der leckeren Begrüßung nach, ging das klar. Der Kuchen war ein Traum. Ein richtiger Schokoladenkuchen. Einfach nur Schokolade mit einem allumfassenden Schokoladenguss. Ich wurde eins mit der Schokolade. Immer tiefer versank ich in diesem warmen, zartenTeig. Mit jedem Bissen, fühlte ich mich noch mehr angestachelt, einen weiteren zu nehmen. Und ich war erfreut, als ich später auf der Studentenparty, zu der es der Abendplanung nach gehen würde, seinen großen Bruder kennen lernen durfte.
Während erste Informationen ausgetauscht wurden, schwebt ich glücklich und zufrieden im 7. Himmel. Oh wunder der Natur! Schokoladeeenkuchen in seiner ganzen Pracht!**

Tim hat sich nach einer Beamtenlaufbahn für den zweiten Bildungsweg(e) entschieden. Und tatsächlich schilderte er mir beide Lebensabschnitte auch so, wie ich sie grade titulierte. Eine Bahn für Beamte, die sicher gebaut war und keine großen Abweichung zuließ – ähnlich vielleicht wie eine Achterbahn, aus der man ja auch nicht raus kommt (bloß ohne Loopings und große Steigungen (und schreien ist da auch nicht drin)) – stand seinem Freigeist entgegen, der nicht auf den Looping verzichten wollte. Als Beamter der Stadt Hannover war seine erste kollegiale Lektion sich auf einem Klo zu verstecken, sobald es auf der Baustelle nichts mehr zu arbeiten gab. Mit dreiundzwanzig Jahren überlegte Tim an einem der Tage, an denen er mit dem Steppenwolf*** auf dem Klo saß, ob es nicht angenehmere Orte geben könnte. Das Klo war ihm also nicht mehr groß genug und er tauschte es spontan gegen eine Abendgymnasium ein.

Während ich mich von Tims Leben fließen ließ merkte ich, wie der Kaffee auf meiner Hose anfängt nach zulassen. Für eine Stunde wollte ich mich hinlegen, um später noch alles in mir verschlingen zu können, was da um mich passieren würde. Tim zeigte mir also meine erste Couch. Ein Piratenschiff:



Leider gab es keinen entsprechenden Traum zum Bett. Aber nachdem wir sein Bücherregal besucht hatten****, entschieden wir uns, frei wie wir beide waren, uns öfters zu besuchen. Ich werde also weiter an meinem Piratentraum dran bleiben.
Tim zog sich zurück und ich war plötzlich alleine in diesem fremden Zimmer, genau wie jetzt am Morgen danach. Und all diese Tapeten und all diese Lämpchen, Kronkorken umschlungene Bettstangen, uralten mit Stickern verzierten Radios, der Spielautomat aus Holz, afrikanischen Gardinenvorhängen, dieser Geruch der mir ein Gefühl gab, wie gestern Abend noch in Hamburg, als ich am Hafen stand und den Ozean beim hin und her wippen beobachtete, die kleinen Figürchen, die von meinem Piratenbett runter hängen



, die wahrscheinlich was mit Buddhismus zu tun haben und ich wieder merke, dass es so viele Realitäten gibt, die ich nie durchdringen kann. Das, was sich über viele Jahre in diesem Zimmer um mich aufgebaut hatte – so viele Geschichten, die hier passiert waren – das alles kann ich mit Buchstaben nicht durchdringen. Egal wie viele ich noch investiere. Dieser Ort ist niemals ganz zu durchdringen. Und so saß ich gestern wie heute vor dem Laptop und überlegte, wo ich trotzdem einen Anfang setze und war echt froh, als mir das jemand abnahm:



Fetti (nur einer von vielen seiner Namen) hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Aus dem Tierheim mit Spritzen und Diätprogrammen zu Hause wieder aufgepäppelt (drei Kilo in einem Monat abgenommen! *****), lebt er nun sein kreatives Leben in der WG aus.



Den Blogeintrag von Fetti hat sich als weniger gehaltvoll erwiesen, als ich es mir erhofft hatte und ist mit einer diffusen Abfolge von „Q's“ und „!'s“ zusammen zu fassen. Er ließ auch sonst nichts über die Bedeutung durchdringen. Fetti hat es zumindest geschafft, mich von dem „Gigantischem“, was ich nicht fassen konnte, hin zum intensiven Schmusen zu verleiten. Wir beide zogen uns für eine erholsame Stunde ins Piratenbett zurück.

Ein wenig (dieses mal warmen) Kaffee und dem Rest meiner Club Mate Flasche trinkend, die ich zur Begrüßung mitgebracht hatte, zogen wir nach meinem Aufwachen zum Studentenwohnheim nach Ricklingen. Und wieder erkannte ich, dass ich meinem Experimenet nicht gerecht werden könnte. 23 Jahre lang wandere ich schon durch diese Stadt. Hannover. Angeblich langweilig. Nun gut; Lena. Das macht es schlimmer. Aber der geneigte Hannoveraner/Langweiler vergisst/verdrängt das. Ricklingen war mir gänzlich neu. Erschrocken über meine Umwissenheit torkelten wir durch die laue Sommernacht zum Wohnheim. ******
Die Party umfasste genau 15 Leben aus 7 verschiedenen Ländern. Erasmusstudentin Fatima berichtete mir mit ihren 25 Jahren über ihren Moderatorenjob, der sie nicht ausfüllte – ich gönnte mir mein zweites Bier und merkte auf der Couch, dass mir die Mischung aus den verschiedenen Kaffees und Herri nicht gut tat. Mein Blick schweifte über die Party Gesellschaft ab. Ein Kickertisch und acht Mitspieler. Jeder mit seiner eigenen Geheimsprache, die der andere nicht verstehen würde. Jeder mit einem langem Reiseweg der heute hier Pause hatte, um Punkt 24 Uhr lachend den Kickertisch für einige Minuten alleine stehen zu lassen. Der Doppelgeburtstag wird mit einem internationalem „Happy Birthday“ angestimmt. Einige Jungs ließen die Hosen runter, um den Geburtstagskindern ihren Arsch zu zeigen. Dieser Brauch war mir neu. Ben – eigentlich Benjamin, doch den Namen wollte er nicht mehr länger tragen, als er in der Grundschule damit aneckte *******– schenkte seiner Freundin, der Erasmusstudetin, zwei in einer Verpackung eingeschweißte Erotikwürfel. Auf einem der milchig-schimmernden Würfelseiten war jeweils ein Körperteil zu lesen und auf dem anderen entsprechenden Verben (schmusen, küssen, streicheln), die man auf das Objekt (Nippel, Po, Vagina) anwenden soll („Ich pack' aus!“ „Nein, erst später :P“ „Wieso? Ich will wissen, was auf der Rückseite von dem Würfel steht“ „Fisten!“ - ein Partylacher, der sich über die Lautstärke des Happy Birthdays noch hatte hinweg setzen können.

Ich fixiere meinen Blick wieder auf die großen braunen Augen Fatimas und lasse mir erzählen, dass sie eine Diplomatentochter sei. Ihr ganzes Leben war bis zum Erreichen ihres Abiturs durch Reisen bestimmt: „Vier Jahre Madrid waren mir zu viel – ich musste da raus“. Und auch das eine Jahr in Deutschland, in dem sie an der Fachhochschule Journalismus studiert, scheint ihr wieder langweilig. Ihr Vater wollte schon immer lieber, dass seine Tochter was bodenständiges macht. Medizin studieren. Doch Fatima langweilt sich schnell. Sie kann sich nie lange mit nur einer Sache beschäftigen. Jeden Tag was Neues. Springen – rückwärts- und „wenn's funktionieren würde, dann auch gegen alle Naturgesetze“. Beim erzählen klingt sie sehr souverän, als hätte Fatima diese Geschichte schon vielen Leuten erzählen müssen. Ich beneide sie um das erlebte, doch als ihr Freund Ben sie mitten in einem weiteren Erzählfluss vom Sofa abholt und zum Geburtstagstanz auffordert, spüre ich plötzlich selbst die Diplomatentochter in mir.

Ich bin zwar keinem Staat verpflichtet und meine Reise führt auch (noch) nicht über Kontinente, doch die Gemeinsamkeit sehe ich im Aufbau von Beziehungen. Ganz klar. Eine Verbindung von diesem Bildschirm zu dem warmen Ort von gestern Nacht aufzubauen, wo ich zum ersten Mal festgestellt habe, dass man nicht einfach in eine Fisch reinbeißen darf, wenn er nicht aus der Dose ist, so wie ich ihn bis gestern nur kannte. Auch, wenn ich nur ein paar Fischgräten aus dem großen fettigen Fisch zeigen kann und keine 14 Leben in 14 Tagen (und auch nicht darüber hinaus) in seinem ganze herbei schreiben werde, freue ich mich schon auf 19 Uhr; Wenn ich aus dieser Matrix am Schwarzen Bären, in die nächste zu Jan in der Südstadt einsteige und gucke, ob es da neuen Fisch oder Schokoladenkuchen gibt. Schmatz. Mehr!




* http://www.youtube.com/watch?v=gcNzRllscqU
** 789 Rezepte um diesen für mich besonderen Moment nach zu empfinden, habe ich hier entdeckt: http://www.chefkoch.de/rs/s0/schoko+kuchen/Rezepte.html
*** mit Herrmann Hesses „Steppenwolf“ (ungefähr Seite 56) http://www.dieterwunderlich.de/Hesse_steppenwolf.htm
**** Der Name der Rose (Umberto Eco) & Das Parfum (Patrick Süßkind)
***** http://www.amazon.de/Abnehmen-Aldi-Wochen-Di%C3%A4t-Programm/dp/3612209523 (mir ist schon beim Cover schlecht geworden)
******Jetzt wo ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich ja nicht Hannover mit meinen Worten einhüllen wollte. Sondern nur die 14 Tage mit ihren 14 Leben. Also – das Problem waren die 14 Leben, nicht die Erkenntnis über einen Stadtteil, von dem ich zuvor nur gerüchteweise gehört hatte und der trotzdem so langweilig war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wie die anderen Stadtteile halt.
******* http://www.youtube.com/watch?v=an9smMptFCM (Benjamin Blümchen <3)

Dienstag, 12. April 2011

Hannover räumt endlich auf...


... Ordentlich. Und wem das ganze zu radikal ist, der wird nun mit den sanfteren Klängen meines Blogeintrags eingelullt:

Hinter die Welt...
...Ans Ende der Zeit...
...Wo kein Licht hinfällt....
...Gegen den Strom...
...Am Abgrund entlang....

... genau dahin führt es mich diesen Samstag: nach Hamburg; Internationales Tokio Hotel Fantreffen; Und ich bin eingeladen.
Eine große Überraschung. Auch immer wieder für mich, wenn ich es grade nicht verdrängen kann. Manches erkennt man erst, wenn man es nieder schreibt. Wenn man das will. Ich will es nicht.

Für weitere Freunde des gezielten Verdrängens, ordentliche Falschparker und all diejenigen, die es noch nicht wissen: 14 Tage - ab Samstag - werde ich in Hannover über 14 Couches mit ihren 14 Besitzern surfen und natürlich jeden Tag hier schreiben, auf welcher Wellenlänge wir waren. Huch. Diese bildhafte Metaphorik (Allegorie)! Einen Punkt vermisst meine mit unterschätzten 12 Punkten bewertete ABI-Deutschklausur immer noch, Herr Wohlatz.

Bevor beim schreiben noch weitere traumatische Wunden aufreißen, pack ich jetzt lieber für Hamburg. Kuss.

Sich auf der sicheren Seite fühlend,

Der André