Sonntag, 8. Mai 2011

Couch # 8 | Zwei Könige und eine angepisste Queen

Hannovers König war unzufrieden mit sich und seiner Monarchie. Mickrig und klein schien ihm dieses Hannover im Vergleich zum prunkvollen britischen Königreich.

Hannover. Pah. Dummes Bauernvolk. Ein paar heruntergekommene Gärten. Ein versoffener Hofnarr und eine nörgelnde Ehefrau.

So kam es, dass der Unzufriedene sich kurz an seinem königlichen Kopf kratzte und was unterschrieb. Eine Fontäne solle nun in seine Herrenhäusergärten. Mit sechzehn Meter Spritzweite wäre sie die größte; Weltweit! Der König lachte; Seine Frau lachte; Der Hofnarr hysterisch. Der ganze Hofstaat lachte laut. Das änderte sich, als der lachende König das Englische Königshaus nach Hannover einlud.

Es sollten nur Geschäfte abgeschlossen werden; Ein paar Kleinere. Klar; In der Mittagspause könne man dann ja kurz einen Spaziergang durch die 40000 qm² Gartenanlage machen und – klar – vielleicht würde man zufällig an der neuen Fontäne vorbei kommen. Eines sonnigen Nachmittags dann spritzen endlich sechzehn Meter in die Luft und die Augen der Queen wurden groß. Sehr groß! Und auch die der anderen!

Reflexartig wurden sie erst dann geschlossen als klar war, dass das Wasser nicht so klar war. Urin- und Kotreste waren damals noch nicht so gut durch die Leine gefiltert. Heutzutage helfe ihr dabei das modernste Klärwerk Europas, eröffnete mir Andreas während unserer Radtour. Doch zwei Jahrhunderte zuvor ließ sich das Englische Königshaus ihr adeliges Gesicht abwischen und ritt mit der nächsten Kutsche zurück in ihr eigenes Königreich.

Hannover braucht keinen König. Aber wenn sich die Zeitschriftabonnenten der „HÖR' ZU“ doch irgendwann mal mehrheitlich in Deutschland durchsetzen sollten, habe ich einen Wunschkandidaten. Besser zwei. Zwei Könige. Björn und Andreas strahlen in ihrer Wohnung. Wie alles um sie, was sie in den letzten acht Jahren angehäuften haben. Geblendet taumelte ich von einen Saal in den nächsten und übersah die golden umrahmten Fotos, die das glücklich paar in New York vor einer vorbeifahrenden Straßenbahn zeigte. Den Apple Computer hingegen konnte ich kaum übersehen. Wie es sich für ein monarchisches Paar gehört, strotzt die Dekadenz über die weiten des marmornen Schreibtisches. Nur der vergoldete Kronleuchter, der uns von hoch oben beobachtete, hätte sich mit der breite des Bildschirms vergleichen lassen. Eine Pflanze aus fernem Lande weidete sich an dem mit Juwelen besetzten Küchenstuhl. Setzen; Das ganze auf sich wirken lassen. Schon bevor ich dazu kam, servierte König Andreas mir den ersten Gang. Eine frisch gebackene Waffel. Bio-Eier. Schokoladenüberguss. Puderzucker. Bunte Streusel. Blattgold. Eierlikör. Nicht zu knapp. Ich spitzte genüsslich den Mund. Zwei lächelnde Könige beobachteten mich, wie ich dankbar zulangte.

Während Björn den nächsten Gang zubereitete, erzählt mir Andreas vom Leben. Straßenbahnfahrer wollte er schon immer werden. Damals, als er noch hinter der Mauer gewohnt hatte, träumte er viel. In der Deutschen Demokratischen Republik blieb ihm dieser Wunsch verwehrt. Einmal musste Andreas wegen staatsfeindlicher Äußerungen zum Schuldirektor. Doch auch der hatte Straßenbahnen nicht auf dem Plan. Enttäuscht vom Sozialismus reiste Andreas so oft er durfte hinter die Mauer, um sich dort mit Straßenbahnen fotografieren zu lassen. Sein erste große Liebe.

Doch er bereute es nie Koch geworden zu sein. (Nach diesen Waffeln bereute ich das auch nicht). Schließlich hatte ihn eine Kochstelle nach Hannover gebracht und letzten Endes zu seinem Ehemann. König Björn strahlte kurz vom Herd über seine Schulter. Andreas lächelte zurück. Hach.

Kurzweilig verfiel ich in meine Kindheit zurück, wo ich am Mittag abwechselnd „König der Löwen“ und „Susi und Strolch“ geguckt hatte. Das Schnarchen meiner Oma neben mir störte nicht, weil ich die Dialoge auswendig konnte... Kann es wirklich Liebe sein? Hannovers Königspaar waren verliebt. Andreas führte mich nach meiner dritten Waffel zu den Hochzeitsfotos, die ich vorhin übersehen hatte.

Auf einem war Silvester. Beide küssten sich. Aus Björns Glas träufelte ein wenig Sekt auf die weitläufige Dachterrasse. Im Hintergrund eine hell erleuchtete Nacht. Gold strahlende Wolkenkratzer. Viele Krümel Menschen mit Raketen wuselten auf der Straße. Überall hin schießende Lichter. Ein Minifeuerdrache speit seine Lichtkanone zwischen die winzigen Lücken auf dem Bild. Die Farben spiegelten sich in Andreas Augen wieder. Er würde den Kuss zuerst beenden.

Björn knetete im Hintergrund immer noch verschiedene Lebensmittel durch. Dazu mischte sich irgend etwas, was meinen Magen knurren ließ. Andreas merkte es sofort. Fast schon erwartete ich einen Krankenwagen, der mich sofort mit Flüssignahrung versorgen würde. Doch es blieb bei einem gut vorbereiteten Snickers aus der Hemdtasche. Für den Notfall, lächelte Andreas.

Das Foto mit der vorbeifahrenden Straßenbahn war gar nicht aus New York, wurde ich korrigiert. Aus Budapest sei das. Die kaufen die alten grünen Straßenbahn aus Deutschland und malen sie blau an.

Klar. Straßenbahnen kennt jeder. Jeder fährt jeden Tag damit. Doch wer steckt hinter den grünen Dingern? Andreas. In Hannover erfüllte er sich selbst seinen Lebenstraum. Nun ist Andreas Hannovers wohl bekanntester Straßenbahnfahrer. Eine Zeit lang trug er verschieden gefärbt Irokesenschnitte. Hier und da war er mit Piercings geschmückt. Ein Silberner ging durch seine Nase. Viele Kollegen waren nicht gut auf ihn zu sprechen. Es gebe viel Gerede. Andreas sei das wumpe. Er hatte was in seinem Leben gelernt: es sich nicht erträglich zu machen. Andreas lebte. Und wenn Andreas um acht seine Schicht in der Linie vier beginnt und er ein erstes „Guten Morgen“ über die Lautsprecher der Bahn verkündigt, will er seine Fahrgäste mit dieser Idee anstecken. Ich war schon nach der ersten Waffel infiziert.

Andreas hatte einen schüchternen guten Freund. Ein Student. Maschinenbau. Oft fuhr dieser Freund in Andreas Schichten mit ihm. Er liebte den Blick aus den Fenstern der Straßenbahn. Genau wie Andreas. Jeden Tag passiere was anderes. Der schüchterner Freund sah alles nur für wenige Sekunden:

Eine Kellnerin, die über den kleinen Dackel stolperte; Das rote Fahrrad, mit den Blumen am Lenkrad; Ein heulendes Kind; Eis auf der Straße. Regen träufelt die Fensterläden entlang. Linden-Daddys mit weiten gelb gestreiften Hosen und grünen Kinderwägen beim Shoppen. Dann fuhr die Bahn schon weiter. Andreas Freund überlegte sich auf der Fahrt Geschichten zu den kurzen Sekunden, die er Einblick in ein Leben hatte. Einmal überlegte er auf einer anderen Fahrt von Ahlem zum Aegiedientorplatz sein Studium zu schmeißen. Er tat es. Andreas half ihm dann Straßenbahnfahrer zu werden.

Das Essen war fertig. Ich weiß immer noch nicht genau, was da vor mir auf dem Teller stand. Nach den ersten Bissen fiel ich in tiefe Trance. Lecker. Meine Augen öffneten sich erst wieder, als ich zu meiner eigenen Überraschung mitten in einer Fahrradtour steckte. 25 Kilometer. Erstaunlich wie gut es mir nach der Hälfte noch ging.

Über Wiesen und Wälder (Eilenriede), Stock und Stein (Maschsee) zischte Hannover an mir vorbei. Andreas und Björn wussten alles über diese Stadt, wie es sich für ein Königspaar gehörte; Dabei waren sie erst vor ein paar Jahren zugezogen. Kennen gelernt hatten sie sich nicht in der Schwulendisko in der Nähe von der Jugendherberge am Maschsee, auch wenn sie beide oft da gewesen waren. Erst im Chat hatte es gefunkt. Eigentlich hielt der Straßenbahnfahrer nicht so viel von Technik. Er hatte noch nicht mal ein Handy. Und Fremde über dieses Internet treffen? Heute war ich schon sein vierter Couchsurfer in diesem Jahr.

Wir setzten uns in die Nachmittagssonne des Biergartens in Linde. Björn gab eine Runde aus. Angeduselt von der zweiten Runde, erzählte ich von meinem Internetdate. Auch da gab es Bier. Einen Sixerträger Becks. Und eine Tunfischpizza. Ich hatte den Mund offen stehen, als ich in ihre Tür eintrat. „Du mochtest doch Thunfisch, oder?“

Das Internet bietet unglaubliche Möglichkeiten, fuhr Björn fort. Das fand ich auch. Arabische Revolutions Getwitter. Wikipedia. Couchsurfing. Dieser Blog. Noch nie schien es offensichtlicher, wie sehr möglich Menschen sich auf der ganzen Welt verbinden und organisieren könnten. Und es auch tun. Das Königspaar hörte mir nervös zu. Doch klar; Euren Thron möchte ich stehen lassen. Ein kommunistisches Ehepärchen. Zaghaft erinnerte ich mich an die leckere Schokoladenwaffel zurück; Nicht zu viel erinnern. Oh Doch! Die war so gut! Die Trance hatte mich erneut im Griff.

Der nächste Augenblick wo ich wieder zu Bewusstsein kam war am Leineufer. Zusammen räumten wir die Glassplitter von letzter Nacht weg. Andreas hatte mit seinen Oi!-Freunden gegrillt***. Björn war schon um zwei Uhr gegangen. Aufräumen gehöre dazu. Aufräumen. Gehört. Dazu. Ja. Akzeptiert. Ich räumte auf. Die kommunistischen Oi!-Könige mit einem Hang zum Umweltschutz, übten ungewöhnlichen Einfluss auf mich aus. Doch ich gehorchte.

Ja, das war genau der Grund, warum ich mich unbedingt mit ihm treffen wollte“, schwärmte Björn. Ich hingegen hatte weitaus weniger Glück mit meinem Internetdate. Nach der Tunfischpizza musste ich spontan gehen, weil es einer Freundin, die bei meinem Date anrief, spontan nicht gut ging.

Betrübt räumte ich die letzte Scherbe in den blauen Sack. Dann versenkten wir ihn bei der Limmer Schleuse in den Mülleimer. Tief. Sehr tief. Da, wo niemand mehr dran denken würde.

Niemals mehr!

Ein durch die Schleuse künstlich aufgebauter Wasserfall rauschte uns die Ohren voll. Björn erzählte mehr sein Hannover.

Umgebaute Straßen. Unbekannte Straßenbahntunnel; Noch unter denen des Hauptbahnhofes. Ein unterirdisches System von Gängen, die sich durch die Innenstadt zogen. Eine zweite Altstadt, die im zweiten Weltkrieg komplett zerstört wurde. Dieses Hannover war ein Typ, der schon viel mitgemacht hatte. Über die Entstehung seines Namens ist man sich übrigens nicht mehr sicher.*

Verblüfft wanden wir unseren Blick vom Wasserfall ab.

Hannover hat viel zu bieten. Das würde gar nicht erkannt werden. Du kannst hier sein und dieses grüne und das Wasser an dich ran lassen, oder fährst in fünf Minuten dahin, wo sich Linden-Daddys um Handtaschen prügeln. Hannover lebt!

Und ich überlebte mit ihm; So gar die letzten fünf Kilometer. Ein fitter Mensch war ich doch; Stolz entglitt mir eine Träne der Erleichterung. Dann naschten wir bunte Milka-Osterhasen, auf der großen Liegewiese in der Stube und guckten eine monarchisch Komödie mit Hape Kerkeling**. Als sich die beiden schon lange in ihren Schlafsaal verabschiedet hatten, blies ich Strolch die letzten von vielen Teelichtern auf der Fensterbank aus. Ein sehnsüchtiger Blick zum Mond. Jaul. Ein Chor von güldenen Engeln flatterten zum Kronleuchter über mir. Sie setzen sich und untermalten meine Gesänge. Diese achte Nacht machte alles dunkel. Ich schloss die Augen. Und schlief. Tief. Es klingelte. Susi rief an und jaulte zurück. Dann wechselte ich die Couch.

Am nächsten Morgen stand in dem Horskop der „HÖR ZU“ für mich Folgendes:

[...]GLÜCK: Ein kurzer Ausflug wird ihnen neue Perspektiven zeigen. Haben sie keine Angst!“

Ich gehorchte dem Befehl, packte meine Sachen und machte mich angstfrei zu Couch # 9 auf.

PS: In Parkistan wurde übrigens ein Königssohn beim urinieren vor einem Restaurant fotografiert. Manche Ding scheinen sich wohl nie zu ändern.


* Andreas informiert: Früher dachte man noch, Hannover leitet sich aus dem altdeutschen Wort „Hannovere“ ab, was so viel bedeutet wie: „Stadt an der Furt“. Plausibel. Die Leine hat eine Furt, über die früher Kutschen und Pferde reisen konnten. Weil alle Menschen nur über diese Furt reisen konnten, hatte sich schon sehr bald ein paar pfiffiger Kaufmannsleute dort niedergelassen und ihre Waren verkauft. Daraus entstand dann später die Stadt Hannover.

Doch inzwischen weiß Andreas, dass der altdeutsche Name „Hannovere“ damals noch eine ganz andere Bedeutung hatte. So bleibt die Namensherkunft weiter ungeklärt.

** Willi Und Die Windzors

*** http://www.youtube.com/watch?v=bjqoua1sIvk


Montag, 2. Mai 2011

Couch # 7 | Entziehungskur

Mein Fotohandy scheint an meinem Bluetooth-Adapter vorbei zu reden. Handy sagt: Ich will USB-Stecker und der Laptop sagt: is nicht, gib mir Bluetooth. Ich als Vermittler zwischen den verhärteten Fronten überlege das Problem zu überbrücken und halte mich im Hintergrund. Die sollen das selbst regeln. Schlecht Vermittlerposition. Aber was tun, wenn Bluetooth und Kabel einander nicht mehr lieb haben. Sie scheiden lassen? Als Scheidungskind, wie so viele, kann ich das nicht zu lassen. Ein Schuss Harmonie braucht das Ganze. Eins dieser Lösungsmittel, die früher auch in den Eddings drin waren. Ich erinnere mich, wie vor mir 90 Minuten Mathematik stattfand und ich mich heimlich am Edding berauscht habe; Viel erträglicher.

Doch das waren nur die Anfänge meines exzessiven Caférausches, der sich dann – wie schon an anderer Stelle erwähnt – zum Abitur hin eingeschlichen hat. Der Trend von Club Mate weg und zu der härteren Mixtur aus Café und Cola, „Hausmarke“ - eher in Linden anzutreffen, als sonst wo – , ist das, was mich neuerdings im Griff hat. Fesselnder Gedanke, wenn ich mir meine Cola auf dem Tisch anschaue; Ein wenig Café beimischen. In Gedanken stellte ich mir schon vor, wie ich während des Trinkens an dem Edding aus meinem Rucksack schnüffelte. Niemand würde es verurteilen. Schon gar nicht, wenn es Albert sehe. Der noch Lindener-Künstler, der von sich behauptet keine Moral zu haben.

Er begrüßte mich mit Club Mate. Ihr seht, der Übergang macht Sinn, wenn er mir die Haustür öffnet und mir die Flasche in die Hand drückt. Sofort bin ich angetan. Zwei Freunde begrüßen ihn zufällig auf der Straße und fragen, wo wir hin gehen. Die eine lächelt mich an; Intensiv. Sehr gut. Die Mate erfüllt ihren Zweck; Ich lächele zurück. Zusammen wollten wir ein Konzert besuchen.

Der Spaziergang mit den zwei Damen dorthin führt zuerst in Alberts Wohnung. Albert verschwindet in sein Zimmer. Die zwei Damen ins Bad.

Ich spaziere alleine weiter; Durch Alberts WG; Entdecke die Küche für mich; Hier und da Bilder; Ein Kühlschrank; Weiß; Der Herd. Schick. Ein wenig dreckig; Könnte die Wohnung sein, die mich erwartet, wenn ich aus meinem Elternhaus ausziehe, wo alles so ordentlich ist. Das ganze mal durchzurühren und eine neue Ordnung zu schaffen, schmeichelt doch jedem, der vorher in fremdem Strukturen seinen Alltag verbringt. Was neues für sich aufzubauen. Schön kann sich das anfühlen. Hier und da seine eigenen Fettflecken zu setzen. Den Kühlschrank so zu stellen, dass er den Herd zulächeln kann, wie in Alberts Küch. Die beiden nicht alleine stehen zu lassen; Dachte ich mir auch und spaziert weiter in das Bad.

Lina telefonierte noch mit ihrer Mutter. Als wir später auf der Limmerstraße zurück an dem Punkt gegangen waren, wo wir uns zufällig getroffen hatten, lästerte sie kurz über sie. Mütter wollen alles wissen. Wie sieht's bei dir aus? Ist dein Zimmer so und so? Ich kann dir helfen! So und so? Ich wollte das auch wissen. Leider ging Linas Lächeln mit ihrer Freundin und dem großen mir unbekannten Rest weg. Mütter halt. Ihre Person blieb mir noch kurz in Erinnerung. Klebte an mir in einer Ecke. Weiter unten rechts, wo noch ein wenig Tageslicht rein strahlen konnte. Ein Fleck in meinem Seelenhaushalt. Doch der – Haushalt – richtete sich schon wieder ganz anders ein; Neuer Lack; als Chaterina dazu traf. Alber hatte wohl viele Freunde. Eine Asiatin. Lächelte auch hübsch. Selbstbewusstsein war das erste, was mir auffiel.

Albert, oder auch „Alberto Banale“ - ein Künstlername von vielen, wie ich später vermutete – glich das aus. Niemandem verpflichtet. Noch nicht mal der Moral. Er sei Künstler und schon für nächstes Semester in Weimar eingeschrieben. Das war ihm klar und natürlich: ja! Dieser Mensch ist ein Künstler. Er fotografiert und erzählte mir von Installationen. Und ja, er mochte Recht haben. Die Bilder ließ ich kurz auf mich wirken. Oberflächlich. Klebt leider nicht fest genug, als dass ich was davon mitteilen könnte. An einer meiner weißen Küchenwände könnte ich versuchen was hinzumalen; Damit man mehr von Albert in mir erkennt. Vielleicht schreiben, dass da was in mir vibrierte, wenn ich auf das Licht guckte, was dem Schrank wärme versprach, wenn er noch ein paar Stunden so stehen blieb – auf dem einen Foto; von Banale. Er, der Schrank, rührte sich nicht und genoss die wärme; So Wie ich Albert genoss, als er mir erzählte, dass dieses Bild nur ein schlechte Alternative sei und die Guten im Theater hingen. Dort war er grade mit einer Theatergruppe im Gange.

Meine Küche richtete sich neu ein: Das Theater, von dem er erzählte, war unser Ziel. Eine Band spielte hier. Indie, sagt er. Was mag das sein?; Indie kann es nicht geben, denke ich. Heißt doch Independent? Unabhängig? Aber ich bin abhängig von dem, was mich umgibt. Dieser – meiner - weiße Kühlschrank war plötzlich ganz wo anders; Beim Kickern. Irgendwo weit hinten. Die Band hatte schon fertig gespielt, als Chatarina, Albert und ich bei der Bühne unseren Spaziergang von Limmer bis hin zur Altstadt unterbrochen hatten.

Mit Alberts Augen konnte ich auf den Weg zum Kickertisch zum ersten mal Taks sehen. Vorher ignorierte ich die gesprayten Sachen, wie Werbung.

Wände, welche noch frei von ihnen waren. Farblose Flächen. Aufmerksame Flächen. Unabhängige Flächen.Traurige Wände. Wände, die für immer farblos sein würden. Wie zum Beispiel die vielen toten Hochhäuser in der Innenstadt. Kameras blickten auf jeden Winkel dieser Leichenhalle. Von allen Seiten umzingelt. Kein durchkommen; Von Ideen, die sich hier verwirklichen könnten: Ein zerstörtes Haus, ein krummer Briefkasten; ein Aschiebelager vor H und M; Das alles könnte nie sein. Albert und seine Unabhängigkeit gingen trotzdem praktisch vor:

Schnell genug müsse man sein. Hier und da ein Freund; Aufpassen! Mit Funk durchsagen, wenn es so weit ist. Spray schneller!

Das was vorher nur im Kopf nun für jeden sichtbar.

Ein Polizist würde laufen, doch Albert konnte fliegen. Schmunzelnd sah ich ihm dabei zu.

Die Band verlor das Kickern nicht. In Hannover heißt es krökeln. Verdammt war der Bassist dumm. Ein Lockenkopf der so aussah wie ein Kneul abgebrannter Kippen. Im Taumel seiner Jubelgesänge brachte er die Asche zum wackeln. Überall in jede Ecke setzte er sein Häufchen. Chaterina auf den Arsch klatschend verabschiedete sich der Gewinner unserer Krökelei mit seiner Band im Tourbus. Lichter gingen aus. Auf zum nächsten Ort; Neue Ärsche klatschen. So ein Dummer.

Unser Spaziergang ging wo anders weiter. Eine neue Küche richtete sich in mir ein. Jetzt war der Kühlschrank wieder da. Öffnete sich so gar leicht. Ein wenig Kühle strömte mir entgegen. Am nächsten Kiosk griff ich mir ein Bier.

Chaterina war intelligent. Und sie erinnerte mich an mich. Wir waren ich und ich. Nicht die Band. Würde. Bitte gib mir ein bisschen Würde. Danke. Macht 2,50? Für Club Mate hab ich grade mal die Hälfte ausgeben. War halt ein günstiger Preis beim Konzert, meinte der Rausgeber. Ein Konzert, was wir nie gesehen hatten. Wie viele Bassisten wohl grade ihren ersten aufdringlichen Ton auf den Bühnen dieser Welt durchschlagen. Wir würden sie nie alle hören. Vielleicht besser so

Bringt auch nichts, sich den Kioskpreis für Bier von irgend einer illusorischen Ebene schön zu malen. 2,50 sind 2,50 und daran gibt es nichts zu rütteln. Doch das Bier was ich dafür bekam wuselte mir diese Ebene zurecht. Jetzt passte es wieder. Illusion mit jedem Schluck. Danke Kiosk. Danke, dass es doch nur so und so viel war.

Ich lachte viel über das hinweg, was Chaterina erzählte. Komisch, komisch. Ja, ja: Dieses Magazin, was man immer mal selbst machen wollte, aber eigentlich nicht so richtig weiß, wie man das große ganze angehen soll. Oder was man da eigentlich umsetzen will. Schon seit einem Jahr in Planung. Jaja. Lach, Lach. Ich helfe gerne. Ich träume das doch auch. Genau. Irgendwann nach dem Abi. Das sehe ich auch so. Ich hab so gar noch so ein Aufnahmegrät für Interviews, von früher. Genau das. 0163/6709654. Klar helfe ich bei so was. Ach, das Konzept schreibst du noch? Ich hab auch noch viele Ideen. Albert beobachtete viel und lachte viel mit.

Seine Kücheneinrichtung kam mir in den Sinn. Dreckig. Immer passierte was. Der Fettspritzer vom letzten vegatrischen Burger. Heiß brannte er sie sich in meine Haut. Es war ein angenehmes brennen. Zart und weich. Der Fetttropfen schlich sich mit meiner Hilfe in mein Blut und wusch mich ordentlich durch. Alles so schön; Sauber. Anders sauber.

Ich erzählte Chaterina von Alberts Fettspritzern und sie platzierte zögerlich einige wenige auf ihre Maschmaschine; So, dass nur sie sie sah. Und trotzdem konnte ich sie sehen. Alles wie früher:

Chaterina hatte diesen harten und verletzenden Ehrgeiz. Sie war schön; Gut in der Schule; All das. Doch später, als wir vor der Glocksee saßen verstand ich, warum ich früher regelmäßig eine komplette Zwangsräumung in mir spürte. Und ich verstand auf einmal, warum ich dieses zweite und dritte und vierte Bier vor der Glocksee getrunken hatte. Und ich verstand, warum Albert so viel lachte und zudem noch nüchtern war. Immer wenn eine reinigende Kur nötig gewesen wäre, hatte ich mich ihr so gut es ging entzogen. Ihr merkt, daraus ergibt sich der Sinn vom Titel bis hier hin: Entziehungskur. Sich der Kur entziehen.

Chaterina trauerte weiter vor sich hin – auf der Bank vor der Glocksee. Noch. Ich konnte ihr nicht helfen. Sie wollte bald nach Hause. Wir brachten sie bis zum Bus. Weg war sie mit meinem Kühlschrank. Da wo er früher breit flächig Platz genoss entschloss ich mich ein Feld anzulegen,mit meinen eigenen Mate-Pflänzchen.

Albert verriet mir beim Frühstücken, dass es dutzende Sorten Mate gab. In Südamerika sei es das Getränk der Revolution. Würde nur genug konsumiert werden, würde die Revolutionskurve bis zu einem Punkt ansteigen, wo die Leute gar nicht mehr anders könnten, als zu revolutionieren. Der Politiker ohne Moral hatte mir eine interessante Theorie offenbart. Als wir nach dem Aufstehen den Spaziergang von gestern fortsetzten, entschloss ich mein Mate-Feld um den Herd zu erweitern. Alberts Herd war sowieso kaputt, so nahm er ihn gern.

Ab heute würde ich also nur noch Mate trinken. Konsequenter weise entschloss ich mich entschieden; Selbstbewusster den je. Stärker als zuvor. Die Limmerstraße. Whoau, wie die heute in mein Gesicht schoss. Streichelnde Pfeile kamen mir von überall entgegen und malten neue Bilder an die vorher kahlen Küchenwände.

Wieder ein neuer Spaziergang; Wieder lachte Albert – jetzt entdeckte ich so gar seine Unsicherheiten. Das Lachen war manchmal so und manchmal so. Komisch, dachte ich, und lachte mit ihm. Und ganz spontan, als unser Weg zum Kühlschrank am Kiosk bei der Leinaustraße zur Club Mate führte und Albert mich fragte, ob ich auch noch Club Mate Cola zum Abschied mitnehmen wollte, sagt ich: ne; Blüht schon genug in mir.

Die Mate Knospen auf meinen Feldern von gestern Nacht und heute morgen verströmten eine gute Dosis. Ich verließ mich darauf, dass Albert und ich uns noch vor meiner ersten Ernte wieder sehen würde und spazierte den Weg zur nächsten Couch alleine weiter; Mit mir.

PS: Bilder von Alberts Kunst kann ich übrigens nicht zeigen, weil das Fotohandy und Laptop sich immer noch nicht verstehen. Scheiße.