Dieses Gefühl, als hätte ich diesen Menschen grade verschlungen. Auf ein paar Resten kaue ich noch rum. Ein pappiger Belag auf meiner Zunge lässt sich wohl erst im Zug entfernen. Zähneputzen. Mich ein wenig zurück verwandeln. Darüber nachdenken, was da grade passiert ist:Jan ist ein Hannoveraner auf Absprung. In wenigen Tagen wird sich der smarte Mann – eigentlich aus Freiburg - nach Frankfurt fügen müssen.
Mit dieser Formulierung wäre er wahrscheinlich nicht ganz einverstanden. Jan möchte nach Frankfurt. Ihn erwarte ein neuer Arbeitsbereich – Frankfurt. Der jetzige mache ihn nicht fertig. Er wolle einen Tapetenwechsel. Zwei Jahre lang die selben drei Fressbuden seien genug. Was er von Hannover sonst mitnehme? Den Maschsee natürlich. Das Rathaus. Klar. Die Südstadt gefalle ihm nicht. Die Miete ist okay. Linden – ja, davon hatte er auch mal gehört. Ein alternatives Stadtviertel. Ja, das ist schön. Ich überlege kurz, ob ich Linden verteidigen mag. Doch ich will lieber zu zuhören.
Die Fahrstuhlfahrt zu Tim war begleitet, von meinem Spiegelbild. Ich war immer noch versunken in die Ereignisse von vor ein paar Stunden. Ich lächelte; Auch immer noch, als ich die Wohnung betrat; Doch es verzerrte sich schnell, als mein Spiegelbild sich nun in einer dunkel-schwarzen Sonnenbrille spiegelte. Die Sonnenbrille gehörte zu Jan und Jan zu einer Zweizimmerwohnung, in die er mich reinbat. Zwei rote Primeln am Fenster. Ein Großes Bett in der Mitte. Daneben ein arbeitsbereiter Schreibtisch. Akten. Ein Vertrag den ich nicht verstand. Wände. Das Bad trägt ein Parfüm in der Halterung neben dem Waschbecken. Über die Herkunft wusste Jan nichts mehr. Ein Shampoo in der Dusche.
In der Grundschule war er mit dem Bus aus seinem Dorf gefahren, zusammen mit vielen Bauernkindern. Jedes Jahr durfte er ein Stück weiter nach vorne aufrücken. In der 10. Klasse saß er immer ganz vorne. In der Firma gebe er nichts mehr auf Managertitel.
„Erst bist du Assistent für ein Jahr. Dann überlegst du langsam, dass du mir Geld willst. Du gehst zum Chef und willst mehr Geld. Doch stattdessen gibt er dir einen Managertitel. Das sieht schick auf der Visitenkarte aus. Das Gehalt bleibt gleich. Die Arbeit steigt natürlich, um ein vielfaches.“ Es sei nicht darauf reingefallen. Er war ein Einzelkämpfer.
Gegen seine Schulkameraden hatte er eine Abneigung. Jan erzählt mir, dass er keine Möglichkeit hatte mit ihnen zu reden, weil er keinen Traktor hatte und auch nichts über Reben wusste. Lieber höre er zu. In seinem Bus fuhren ansonsten nur Kinder aus Bauernfamilien mit. Kinder mit Bauernhintergrund.
Vielleicht resultiert ja daraus seine Abneigung gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Ausgestoßener. Ich kann da nichts zu sagen. Ich weiß noch nicht mal direkt, ob er tatsächlich ein Rassist ist. Klare Positionierungen hab ich später am Abend nur zum Thema Atomkraft von Jan gehört; Die müsse bleiben, damit die Wirtschaft weiter funktioniere. Sonst scheint es mir, dass Überzeugungen für ihn nur im Job notwendig sind. Effizienz. Durchsetzungsvermögen. Außerhalb dieser Sphäre wären Dogmen lästiges unwirtschaftliches Beiwerk. Wieso also seine Gedanken nach außen tragen, wenn sich daraus nichts ergibt.
Ein schmaler Flur; ausgeleuchtet mit dem, was der flüchtende Sommerabend noch an Strahlen hergab. Das Fenster war nach außen hin weit geöffnet und ließ den Wind mit den haselnussbraunen Schalosien im Takt der Jazzmusik pulsieren, die aus den Computerboxen im Wohnzimmer her ein Gefühl von angetrunkensein verbreitete. Sein Wohnzimmer verrät nichts von dem Kapitalisten, welches es verbirgt. Das Finanzmonster schlief tief in ihm. Ruhig. Angepasst. Doch bereit zum töten, als er kurz nach meiner Begrüßung mit einem Kollegen am Handy kommunizierte: „Abstoßen!“
Endlich nahm er die Sonnenbrille ab. Kurze Pause; Dann zog Jan die buschigen Brauen hoch und hatte dabei seine Augen auf das doppelte der vorherigen Größe anwachsen lassen.
„Das ist nicht länger tragbar. Das weißt du.“
Jan schüttelte den Kopf. Ein kurzes abwartendes Lächeln in meine Richtung sollte mir signalisieren, dass es länger dauern könnte. Dann wandte er den Blick wieder ab; Ins große Leere. Diese Leere würde ich am Abend noch öfters in ihm sehen.
„Kein gute Idee […] .“
Ein Lachen, unterbrochen von einem Atemzug, den er zwischen seinen Zähnen presste, als hätte er plötzlich starke Zahnschmerzen. Auflegen. Sich mir zuwenden.
„Ja, tut mir leid. Das musste geklärt werden.“
Jan hatte ein ganze Menge zu klären. Zwei große Einkaufszentren; Ein Mietshaus mit 64 Bewohnern in der Region. Zeit um sich selbst zu klären, blieb ihm nicht. Darum entschloss er seine Aufmerksamkeit mit mir und einer Wäschetrommel Boxershorts zu teilen, die er aufhing.
Er sei nicht der Typ, der aufmukke. Das überließ er den anderen. Die würden spätestens nach einem halben Jahr abspringen; Aus dem Englischem Großkonzern, der eine Deutsche Tochter Gesellschaft in Frankfurt am Main hatte. Die fünf Jahre, die er nun schon Teil des Finanzunternehmens war, hatten seinem Gesicht einen schwer beschreiblichen Ausdruck aufgestempelt. An seinen größtenteils kahlen Wänden war mehr abzulesen; Eine kleine markante Stelle, links neben seinem Bett, zeigte etwas Farbe; Das Bild einer Frau mit langem schwarzen Haar, zusammen mit ihm am Strand von Indonesien. Beide hielten ein Glas Wein und umarmten sich. Sie lächelten mir entgegen. Es sei seine schönste Erinnerung, sagte er mir kurz bevor wir zu Bett gingen. Damals war er ein Idealist.
Er liebte die neuen dunkelblauen Uniformen der Polizei. Die alte, die er mir beschrieb, hatte ich nicht mehr in Erinnerung. Doch er kannte jedes Details. Beim Aufnahmetest hatte er Probleme mit der Rechtschreibung.
„Um Menschen zu helfen, braucht es doch kein Kommasetzung, nicht?“ Sowieso sollten die Ausländer erst mal lernen richtig zu sprechen, bevor er als Deutscher über Kommas bescheid wissen müsse.
Ich fragte, warum er seinen Traumberuf aufgegeben hätte. Das hatte er nicht. Noch vor zwei Jahren wollte er sich ein letzte mal bewerben und alles hinter sich lassen. Nun sei er zu alt dafür. Über sein Scheitern, wollte der nicht reden. Es tat ihm jedes Mal weh, wenn er draußen auf der Marienstraße ein Polizeiauto höre. Oder wenn er im Fernsehen „Alarm für Kobra 11“ ansah. Das war vielleicht auch der Grund, warum er keine Poster, oder kleine Figürchen von der Polizei in seinem Wohnzimmer stehen hatte.
Die Frau auf dem Foto war ein letzter Traum – sonst sah er die Welt realistisch. Einen kleine Sphäre der Ideen, in der etwas sein könnte, weit draußen in Asien – bei einer Frau die, genau wie er, eine 50 Stundenwoche hatte. Nur erhielt der Manager von Bauobjekten ein vielfaches mehr, als die asiatische Tochter eines Nähfabrikbesitzers. Auch wenn ich mich darüber wunderte, dass sein Gehalt nur für eine Zweizimmerwohnung ausreichte. Jan sagte, dass er für sein Alter monatlich 300 Euro zurück legt. Für die Enkel; Damit die auch mal kommen. Geld sei alles.
Mir wurde ein bisschen schlecht, dass einer so junger Mensch schon an seine Enkel dachte. Ob ich das in 10 Jahren auch tun würde?
Sie hatten sich auf einer Sprachreise in New York – zwei Wochen – verliebt. Nach Deutschland mag sie nicht kommen. Er könnte nicht nach Indonesien ziehen. Der Job und so weiter. Er vermisse sie schon. Einmal wollte er zusammen mit ihr zu einer Steinigung gehen; Eine Angeklagte; Ehebruch. Doch seine Freundin wehrte sich. Der große Tsunami in Indonesien, der danach kam, hätte dafür gesorgt, dass Steinigungen nun nicht mehr stattfanden, da eine Islamische Mehrheit in diesem Land „weggespült“ wurde. Fast schien er ein wenig traurig um die verpasste Gelegenheit der Steinigung – dann wurde sein Gesichts wieder so Emotionslos, wie vor meiner Entdeckung des Farbflecks auf der kahlen Wand.
Gegen Abend fuhren wir zum Steintor und aßen einen Döner. Mein Magen knurrte erst, als wir schon da waren. Vorher war mir eher nach schlafen zu mute. Kurz hatte ich Angst, als wir auf dem Weg zu seinem Auto mit dem Fahrstuhl im Kellergeschoss gelandet waren. Klar – ich hatte vergessen, wie wichtig ihm der Stellplatz bei dem Umzug von Wuppertal nach Hannover gewesen war. Dafür zahle er auch gerne ein wenig mehr. Doch mir war nicht klar, dass dieser Stellplatz im Kellergeschoss seine würde und so war mir für einige Sekunden mulmig , als wir in dieser Tiefgarage alleine lang schlichen. Er hatte während unseres Gesprächs einen neun Gesichtsausdruck aufgelegt, den ich ebenfalls nicht beschreiben kann.
Der Döner war okay. Ohne Fleisch. Ein paar Oliven. Ein paar Wortfetzen zwischendurch. Er guckte mich jedes mal an, wenn ein Gespräch stattfand. Er hatte eine bestimmte Art zu reden, wenn er mich von etwas überzeugen wollte. Als ich mir einmal im Vodafon-Shop einen überteuerten Tarif aufschwatzen lassen habe, war es ganz ähnlich. Eine Frage wurde gestellt, die sogleich von ihm mit einem „nicht?“ beantwortet wurde und dann ging die Argumentation gleich weiter. Nach etwas haltloseren Behauptungen, verdeutlichte er diese wiederholt mit „plastischen Beispielen“. Ich konnte mir gut vorstellen, dass ihm diese Fähigkeit sehr nützlich bei der Arbeit war. Zum Beispiel als er den 64 Menschen seines „Verwaltungsobjekts“ per Post mitteilen musste, dass ein Zwangsauszug kurz bevor stehen würde. Jan ist einem ständigen Druck ausgesetzt. Nicht nur er fühlte das, sondern auch ich. Doch er wollte sich nach außen hin stark zeigen und das machte es schwer für mich, zu ihm durchzudringen.
„Gewerberaum bietet im Moment einfach einen größeren Gewinnspielraum. In England war das schon immer so; Konzerne verkaufen ihre Gebäude an uns und setzen somit eine größere Summe für sich frei, die sie dann in das investieren können, was sie am besten können – zum Beispiel Bayer. An die vermieten wir jetzt ihr altes Eigentum und die machen den Umsatz mit den Pillen. So macht jeder mit dem Geld, was er am besten kann.“
Was aus den 64 Mietern werden würde, war noch nicht klar. Es würde sich eine Lösung finden lassen. Doch nicht in seiner Abteilung.
„Soziales geht mich nichts an. Klar will jeder mal Supermann spielen“, sagte er und schlang den letzten Bissen seines Döners runter.
„Doch meine Chance Supermann zu sein, ist abgelaufen.“
Beiderseitiges nicken.
„Lass uns gehen. Ich bin müde.“
„Ich auch.“
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