Montag, 2. Mai 2011

Couch # 7 | Entziehungskur

Mein Fotohandy scheint an meinem Bluetooth-Adapter vorbei zu reden. Handy sagt: Ich will USB-Stecker und der Laptop sagt: is nicht, gib mir Bluetooth. Ich als Vermittler zwischen den verhärteten Fronten überlege das Problem zu überbrücken und halte mich im Hintergrund. Die sollen das selbst regeln. Schlecht Vermittlerposition. Aber was tun, wenn Bluetooth und Kabel einander nicht mehr lieb haben. Sie scheiden lassen? Als Scheidungskind, wie so viele, kann ich das nicht zu lassen. Ein Schuss Harmonie braucht das Ganze. Eins dieser Lösungsmittel, die früher auch in den Eddings drin waren. Ich erinnere mich, wie vor mir 90 Minuten Mathematik stattfand und ich mich heimlich am Edding berauscht habe; Viel erträglicher.

Doch das waren nur die Anfänge meines exzessiven Caférausches, der sich dann – wie schon an anderer Stelle erwähnt – zum Abitur hin eingeschlichen hat. Der Trend von Club Mate weg und zu der härteren Mixtur aus Café und Cola, „Hausmarke“ - eher in Linden anzutreffen, als sonst wo – , ist das, was mich neuerdings im Griff hat. Fesselnder Gedanke, wenn ich mir meine Cola auf dem Tisch anschaue; Ein wenig Café beimischen. In Gedanken stellte ich mir schon vor, wie ich während des Trinkens an dem Edding aus meinem Rucksack schnüffelte. Niemand würde es verurteilen. Schon gar nicht, wenn es Albert sehe. Der noch Lindener-Künstler, der von sich behauptet keine Moral zu haben.

Er begrüßte mich mit Club Mate. Ihr seht, der Übergang macht Sinn, wenn er mir die Haustür öffnet und mir die Flasche in die Hand drückt. Sofort bin ich angetan. Zwei Freunde begrüßen ihn zufällig auf der Straße und fragen, wo wir hin gehen. Die eine lächelt mich an; Intensiv. Sehr gut. Die Mate erfüllt ihren Zweck; Ich lächele zurück. Zusammen wollten wir ein Konzert besuchen.

Der Spaziergang mit den zwei Damen dorthin führt zuerst in Alberts Wohnung. Albert verschwindet in sein Zimmer. Die zwei Damen ins Bad.

Ich spaziere alleine weiter; Durch Alberts WG; Entdecke die Küche für mich; Hier und da Bilder; Ein Kühlschrank; Weiß; Der Herd. Schick. Ein wenig dreckig; Könnte die Wohnung sein, die mich erwartet, wenn ich aus meinem Elternhaus ausziehe, wo alles so ordentlich ist. Das ganze mal durchzurühren und eine neue Ordnung zu schaffen, schmeichelt doch jedem, der vorher in fremdem Strukturen seinen Alltag verbringt. Was neues für sich aufzubauen. Schön kann sich das anfühlen. Hier und da seine eigenen Fettflecken zu setzen. Den Kühlschrank so zu stellen, dass er den Herd zulächeln kann, wie in Alberts Küch. Die beiden nicht alleine stehen zu lassen; Dachte ich mir auch und spaziert weiter in das Bad.

Lina telefonierte noch mit ihrer Mutter. Als wir später auf der Limmerstraße zurück an dem Punkt gegangen waren, wo wir uns zufällig getroffen hatten, lästerte sie kurz über sie. Mütter wollen alles wissen. Wie sieht's bei dir aus? Ist dein Zimmer so und so? Ich kann dir helfen! So und so? Ich wollte das auch wissen. Leider ging Linas Lächeln mit ihrer Freundin und dem großen mir unbekannten Rest weg. Mütter halt. Ihre Person blieb mir noch kurz in Erinnerung. Klebte an mir in einer Ecke. Weiter unten rechts, wo noch ein wenig Tageslicht rein strahlen konnte. Ein Fleck in meinem Seelenhaushalt. Doch der – Haushalt – richtete sich schon wieder ganz anders ein; Neuer Lack; als Chaterina dazu traf. Alber hatte wohl viele Freunde. Eine Asiatin. Lächelte auch hübsch. Selbstbewusstsein war das erste, was mir auffiel.

Albert, oder auch „Alberto Banale“ - ein Künstlername von vielen, wie ich später vermutete – glich das aus. Niemandem verpflichtet. Noch nicht mal der Moral. Er sei Künstler und schon für nächstes Semester in Weimar eingeschrieben. Das war ihm klar und natürlich: ja! Dieser Mensch ist ein Künstler. Er fotografiert und erzählte mir von Installationen. Und ja, er mochte Recht haben. Die Bilder ließ ich kurz auf mich wirken. Oberflächlich. Klebt leider nicht fest genug, als dass ich was davon mitteilen könnte. An einer meiner weißen Küchenwände könnte ich versuchen was hinzumalen; Damit man mehr von Albert in mir erkennt. Vielleicht schreiben, dass da was in mir vibrierte, wenn ich auf das Licht guckte, was dem Schrank wärme versprach, wenn er noch ein paar Stunden so stehen blieb – auf dem einen Foto; von Banale. Er, der Schrank, rührte sich nicht und genoss die wärme; So Wie ich Albert genoss, als er mir erzählte, dass dieses Bild nur ein schlechte Alternative sei und die Guten im Theater hingen. Dort war er grade mit einer Theatergruppe im Gange.

Meine Küche richtete sich neu ein: Das Theater, von dem er erzählte, war unser Ziel. Eine Band spielte hier. Indie, sagt er. Was mag das sein?; Indie kann es nicht geben, denke ich. Heißt doch Independent? Unabhängig? Aber ich bin abhängig von dem, was mich umgibt. Dieser – meiner - weiße Kühlschrank war plötzlich ganz wo anders; Beim Kickern. Irgendwo weit hinten. Die Band hatte schon fertig gespielt, als Chatarina, Albert und ich bei der Bühne unseren Spaziergang von Limmer bis hin zur Altstadt unterbrochen hatten.

Mit Alberts Augen konnte ich auf den Weg zum Kickertisch zum ersten mal Taks sehen. Vorher ignorierte ich die gesprayten Sachen, wie Werbung.

Wände, welche noch frei von ihnen waren. Farblose Flächen. Aufmerksame Flächen. Unabhängige Flächen.Traurige Wände. Wände, die für immer farblos sein würden. Wie zum Beispiel die vielen toten Hochhäuser in der Innenstadt. Kameras blickten auf jeden Winkel dieser Leichenhalle. Von allen Seiten umzingelt. Kein durchkommen; Von Ideen, die sich hier verwirklichen könnten: Ein zerstörtes Haus, ein krummer Briefkasten; ein Aschiebelager vor H und M; Das alles könnte nie sein. Albert und seine Unabhängigkeit gingen trotzdem praktisch vor:

Schnell genug müsse man sein. Hier und da ein Freund; Aufpassen! Mit Funk durchsagen, wenn es so weit ist. Spray schneller!

Das was vorher nur im Kopf nun für jeden sichtbar.

Ein Polizist würde laufen, doch Albert konnte fliegen. Schmunzelnd sah ich ihm dabei zu.

Die Band verlor das Kickern nicht. In Hannover heißt es krökeln. Verdammt war der Bassist dumm. Ein Lockenkopf der so aussah wie ein Kneul abgebrannter Kippen. Im Taumel seiner Jubelgesänge brachte er die Asche zum wackeln. Überall in jede Ecke setzte er sein Häufchen. Chaterina auf den Arsch klatschend verabschiedete sich der Gewinner unserer Krökelei mit seiner Band im Tourbus. Lichter gingen aus. Auf zum nächsten Ort; Neue Ärsche klatschen. So ein Dummer.

Unser Spaziergang ging wo anders weiter. Eine neue Küche richtete sich in mir ein. Jetzt war der Kühlschrank wieder da. Öffnete sich so gar leicht. Ein wenig Kühle strömte mir entgegen. Am nächsten Kiosk griff ich mir ein Bier.

Chaterina war intelligent. Und sie erinnerte mich an mich. Wir waren ich und ich. Nicht die Band. Würde. Bitte gib mir ein bisschen Würde. Danke. Macht 2,50? Für Club Mate hab ich grade mal die Hälfte ausgeben. War halt ein günstiger Preis beim Konzert, meinte der Rausgeber. Ein Konzert, was wir nie gesehen hatten. Wie viele Bassisten wohl grade ihren ersten aufdringlichen Ton auf den Bühnen dieser Welt durchschlagen. Wir würden sie nie alle hören. Vielleicht besser so

Bringt auch nichts, sich den Kioskpreis für Bier von irgend einer illusorischen Ebene schön zu malen. 2,50 sind 2,50 und daran gibt es nichts zu rütteln. Doch das Bier was ich dafür bekam wuselte mir diese Ebene zurecht. Jetzt passte es wieder. Illusion mit jedem Schluck. Danke Kiosk. Danke, dass es doch nur so und so viel war.

Ich lachte viel über das hinweg, was Chaterina erzählte. Komisch, komisch. Ja, ja: Dieses Magazin, was man immer mal selbst machen wollte, aber eigentlich nicht so richtig weiß, wie man das große ganze angehen soll. Oder was man da eigentlich umsetzen will. Schon seit einem Jahr in Planung. Jaja. Lach, Lach. Ich helfe gerne. Ich träume das doch auch. Genau. Irgendwann nach dem Abi. Das sehe ich auch so. Ich hab so gar noch so ein Aufnahmegrät für Interviews, von früher. Genau das. 0163/6709654. Klar helfe ich bei so was. Ach, das Konzept schreibst du noch? Ich hab auch noch viele Ideen. Albert beobachtete viel und lachte viel mit.

Seine Kücheneinrichtung kam mir in den Sinn. Dreckig. Immer passierte was. Der Fettspritzer vom letzten vegatrischen Burger. Heiß brannte er sie sich in meine Haut. Es war ein angenehmes brennen. Zart und weich. Der Fetttropfen schlich sich mit meiner Hilfe in mein Blut und wusch mich ordentlich durch. Alles so schön; Sauber. Anders sauber.

Ich erzählte Chaterina von Alberts Fettspritzern und sie platzierte zögerlich einige wenige auf ihre Maschmaschine; So, dass nur sie sie sah. Und trotzdem konnte ich sie sehen. Alles wie früher:

Chaterina hatte diesen harten und verletzenden Ehrgeiz. Sie war schön; Gut in der Schule; All das. Doch später, als wir vor der Glocksee saßen verstand ich, warum ich früher regelmäßig eine komplette Zwangsräumung in mir spürte. Und ich verstand auf einmal, warum ich dieses zweite und dritte und vierte Bier vor der Glocksee getrunken hatte. Und ich verstand, warum Albert so viel lachte und zudem noch nüchtern war. Immer wenn eine reinigende Kur nötig gewesen wäre, hatte ich mich ihr so gut es ging entzogen. Ihr merkt, daraus ergibt sich der Sinn vom Titel bis hier hin: Entziehungskur. Sich der Kur entziehen.

Chaterina trauerte weiter vor sich hin – auf der Bank vor der Glocksee. Noch. Ich konnte ihr nicht helfen. Sie wollte bald nach Hause. Wir brachten sie bis zum Bus. Weg war sie mit meinem Kühlschrank. Da wo er früher breit flächig Platz genoss entschloss ich mich ein Feld anzulegen,mit meinen eigenen Mate-Pflänzchen.

Albert verriet mir beim Frühstücken, dass es dutzende Sorten Mate gab. In Südamerika sei es das Getränk der Revolution. Würde nur genug konsumiert werden, würde die Revolutionskurve bis zu einem Punkt ansteigen, wo die Leute gar nicht mehr anders könnten, als zu revolutionieren. Der Politiker ohne Moral hatte mir eine interessante Theorie offenbart. Als wir nach dem Aufstehen den Spaziergang von gestern fortsetzten, entschloss ich mein Mate-Feld um den Herd zu erweitern. Alberts Herd war sowieso kaputt, so nahm er ihn gern.

Ab heute würde ich also nur noch Mate trinken. Konsequenter weise entschloss ich mich entschieden; Selbstbewusster den je. Stärker als zuvor. Die Limmerstraße. Whoau, wie die heute in mein Gesicht schoss. Streichelnde Pfeile kamen mir von überall entgegen und malten neue Bilder an die vorher kahlen Küchenwände.

Wieder ein neuer Spaziergang; Wieder lachte Albert – jetzt entdeckte ich so gar seine Unsicherheiten. Das Lachen war manchmal so und manchmal so. Komisch, dachte ich, und lachte mit ihm. Und ganz spontan, als unser Weg zum Kühlschrank am Kiosk bei der Leinaustraße zur Club Mate führte und Albert mich fragte, ob ich auch noch Club Mate Cola zum Abschied mitnehmen wollte, sagt ich: ne; Blüht schon genug in mir.

Die Mate Knospen auf meinen Feldern von gestern Nacht und heute morgen verströmten eine gute Dosis. Ich verließ mich darauf, dass Albert und ich uns noch vor meiner ersten Ernte wieder sehen würde und spazierte den Weg zur nächsten Couch alleine weiter; Mit mir.

PS: Bilder von Alberts Kunst kann ich übrigens nicht zeigen, weil das Fotohandy und Laptop sich immer noch nicht verstehen. Scheiße.

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